Journal für Orgel, Musica Sacra und Kirche

                   ISSN 2509-7601

  

                                                                                              

                                                                                                                                                                                                                                  Kritisches zur Theologie der Matthäuspassion

Vorwort

Herrn Pfarrer Frank Schuster aus Kaiserslautern sei an dieser Stelle ein herzlicher Dank dafür ausgesprochen, den unten folgenden Text "Büßen für die seligen Gebeine?" diesem Online-Journal zur Verfügung zu stellen. Gewiss mag der Inhalt des Textes bei manchem Leser auf Unverständnis stoßen, aber genau das macht ihn im dialektischen Sinne so lesenswert. Unter Sühnetheologie wurde die Thematik bereits erörtert. Drei einführende Aspekte seien dem Artikel Schusters vorangestellt, die vielleicht helfen können, Bachs und auch andere nicht-zeitgenössische Musica Sacra reflektiert in die eigene Lebens- und Glaubenswelt zu integrieren. Gewiss dürfte dieses nicht einfach sein.                      

- Die neutestamentlichen Autoren gewichten die Pro-Existenz des Jesus von Nazareth höchst unterschiedlich. Lukas und Johannes können z.B. mit dem Sühnegedanken kaum etwas bis nichts anfangen. Leider wird diese Pluriformität häufig übersehen. Oft erweist sich auch demgegenüber, dass vom paulinischen Stellvertretungsgedanken ausgehend ("gestorben für unsere Sünden") und der folgenden Engführung u.a. durch Tertullian (juristische Logik des "Lösegelds") in Verbindung mit der systemischen Überhöhung Anselm von Canterburys (Satisfaktionstheorie) eine erhebliche Verzerrung des christlichen Gottesbildes auf den Weg kam. Dessen weitere oft unreflektierte, kirchlich geförderte und eher schlicht-volksreligiöse Pflege ließ die Vorstellung eines archaischen, quasi mit Blut handelnden und beruhigbaren Gottes internalisieren, die sich bis heute noch in Alltagsgesprächen oder Leserbrief- und Internetdiskussionen niederschlägt. Bei nicht wenigen Christen führt es zu Verletzungen und Verunsicherungen, wenn vertraute (auch Gesangbuch-)Glaubensbilder - und hier aus gutem Grund - hinterfragt werden. Leider wird nicht wahrgenommen, dass sowohl die Bibel als auch die kirchliche Tradition äußerst vielschichtige Angebote der Rede von Gott bereithalten, die den befreienden Charakter der Pro-Existenz erfahrbar machen können. In diesem Zusammenhang steht die Soteriologie wieder an einem gewissen Anfangspunkt, was die derzeitige Diskussion zur Genüge aufzeigt. So tröstet es erheblich, dass das christliche Bekenntnis in Form des Nicaeno-Constantinopolitanum (381) die sozusagen offene Formel "für uns" wählte - und mehr nicht. Konstruktiv scheint unter Verwendung eines Impulses von Jürgen Werbick zu sein, Jesus als archegós, als den Anführer zum Leben zu betrachten, den Gott aus der Kultur des Todes mitsamt ihrem personalen und strukturellen Herrschaftssystem gerettet hat.  (mpk)  

- "Welche Bücher las Bach? Nur von seiner theologischen Bibliothek existiert eine
umfangreiche Bestandsaufnahme: Bachs Nachlaßverzeichnis zählt 52 theologische Werke in
81 Bänden. Es überwiegen die Werke Luthers. Gleich zwei Komplettausgaben besaß Bach,
die siebenbändige Altenburger Lutherausgabe und die achtbändige Jenaer Ausgabe. Von
Abraham Calov, dem Dekan der Wittenberger theologischen Fakultät, besaß Bach eine
dreibändige kommentierte Lutherbibel. Luthers Hauspostille kommt gleich in zwei Ausgaben
in Bachs Bibliothek vor, neben seinen Tischreden und dem dritten Band der Wittenberger
Lutherausgabe. Daneben besaß Bach zahlreiche Bücher aus dem Umfeld des Pietismus: die Schola Pietatis von Johann Gerhard, Arndts „Wahres Christentum“, die Predigten des
Mystikers Johann Tauler, Schriften von Philipp Jacob Spener und die damals sehr beliebte
Erbauungsliteratur von Heinrich Müller, August Pfeiffer und Johann Jacob Rambach." (aus: www.bachhaus.de - siehe auch Pressebild Rekonstruktion Johann Sebastian Bach) 

- Sinn und Sinnlichkeit bei J.S. Bach: "Als Psychotherapeutin beschäftige ich mich seit vielen Jahren mit Menschen, die traumatische Erfahrungen gemacht haben. ..."  mehr   

Matthias Paulus Kleine   

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Büßen für die seligen Gebeine?       - Ein Beitrag von Frank Schuster

Warum ich die »Matthäuspassion« nicht sonderlich mag. Brief eines protestierenden Protestanten an Johann Sebastian Bach                                                                         
Lieber Johann Sebastian, deine »Matthäuspassion« darf gewiss zu den großen kirchenmusikalischen »Highlights« des vergangenen Jahrtausends gezählt werden. Ihr musik- und kulturhistorischer Wert ist unumstritten. Gerade in der Passionszeit wird sie auch heute noch vielfach und gerne gehört. Ich selbst höre mir Dein Werk nicht sonderlich gerne an. Und ich will Dir auch offen und ehrlich sagen, weshalb.                                                                                                                                
Es ist vor allem wegen Gerda. Sie ist 54 Jahre alt, zum zweiten Mal verheiratet, hat drei Kinder und ist Hausfrau und Mutter von Beruf. Eigentlich wollte sie mal studieren und einen eigenen Beruf haben. Aber ihr wurde zeitlebens zu verstehen gegeben, dass sie doch bitte ihre eigenen Bedürfnisse zurückstellen und sich für das Wohl der Familie aufopfern möge. Ihrem Mann und den Kindern zuliebe hat sie das auch getan.                                                                                                                              
Was sie in all den Jahren am meisten störte: dass man ihr sagte, es sei im Sinne eines christlichen Ideals, so zu leben; »sich selbst sterben und für andere leben«, hieß das. Unter christlichem Leben hatte sie sich etwas anderes vorgestellt. Es hatte mit Solidarität, Nächsten- und Feindesliebe zu tun, mit dem Einsatz für die Schwachen, dem Erhalt von Gottes guter Schöpfung, mit Gerechtigkeit, Frieden und Versöhnung.                                                                                                               
Du selbst wirst wohl aus Deiner Zeit und Deinem Bibelverständnis heraus für Gerda nicht viel übrig haben. Aber Gerda hatte mal viel übrig für Dich. Deshalb ging sie hin und wieder in Aufführungen Deiner Werke – auch zur »Matthäuspassion«. Anfangs achtete sie, wie die meisten, nur auf die Musik, weniger auf die Texte. Bis sie merkte, dass längst nicht alle Worte dort aus der Bibel stammten, sondern diese vielmehr interpretierten – und das keineswegs zu Gerdas Gefallen. Und zu meinem auch nicht.                                                                                                                                   
Das fängt schon in den ersten Passagen an, wo es um die Salbung Jesu durch eine Frau in Bethanien geht. Warum machst Du diese Frau mit Worten wie »Buß und Reu knirscht das Sündenherz entzwei« im Nachhinein zu einer Sünderin? Der Evangelist Matthäus weiß davon ebenso wenig wie Markus und Johannes. Dort tut vielmehr eine selbstbewusste Frau Jesus aus freien Stücken etwas Gutes. Warum darf das nicht so stehen bleiben? Nur weil es Lukas anders gesehen hat?                                                                            
Dann die Abendmahlsszene. Kaum wird der Verräter gesucht, hast Du für uns schon die Antwort parat: »Ich bin’s, ich sollte büßen ...« Warum? Womit hätte Gerda das verdient? Sicher, es ist längst nicht alles glatt gelaufen in ihrem Leben, es gab manche Brüche, einige Umwege, viel Ungelebtes. Aber deswegen gleich ans höllische Geißeln denken? Hat es nicht gereicht, dass ihr erster Mann sie hin und wieder »etwas härter anpackte«, wie er das nannte? War das ihr Kreuz, das sie auf sich nehmen musste? Wozu sollte Gott noch mehr körperliche oder seelische Gewalt an dieser Frau wollen? Und Du lässt später singen: »Ja, freilich will in uns das Fleisch und Blut zum Kreuz gezwungen sein; je mehr es unsrer Seele gut, je herber geht es ein. Komm, süßes Kreuz … mein Jesu, gib es immer her!« Mit allem gebotenen Respekt: Das grenzt an Masochismus, verehrter Johann Sebastian.                                       
Gerda konnte also keineswegs mit dem Gedanken einverstanden sein, dass es in irgendeiner Form ihre Mitschuld sei, derentwegen Jesus gekreuzigt worden ist. War es nicht vielmehr der universale Machtanspruch der Römer, die ihn wie einen politischen Rebellen am Kreuz töten ließen, weil er dafür eintrat, dass eine andere Welt möglich ist? Wenn er dort schon »geopfert« wurde, dann doch im Sinn des englischen »victim«, einer Willkür der militärischen Besatzungsmacht, und nicht im Sinne des »sacrifice«, das zu erbringen war (im Sinne der freiwilligen Hingabe), oder das Gott angeblich gebraucht habe, um mit der Welt und mit uns durch das Blut des Gekreuzigten versöhnt zu werden. Wenn man tief genug über die Gewalt nachdenkt, dann kann keine theologische Wahrheit einfach so unhinterfragt bestehen bleiben.                                                                                                                      
Für Dich aber war das alles kein Thema. Du lässt singen: »Er ist bereit, den Kelch des Todes Bitterkeit zu trinken, in welchen Sünden dieser Welt gegossen sind und hässlich stinken, weil es dem lieben Gott gefällt … bis sich die Zeit herdrange, dass er für uns geopfert würd’, trüg unsrer Sünden schwere Bürd wohl an dem Kreuze lange … Ich, ach Herr Jesu, habe dies verschuldet, was du erduldet … O selige Gebeine, seht, wie ich euch mit Buß und Reu beweine, dass euch mein Fall in solche Not gebracht.«                                                                                                                           
In den biblischen Texten wird der Kreuzestod Jesu längst nicht ausschließlich als Opfer und Preis für unsere Erlösung verstanden. Andere Bibelstellen halten fest, dass er am Hass und dem Versagen von Menschen starb, ohne diesen Tod mit dem Gedanken der Sündenvergebung oder dem des Opfers für die Erlösung in Verbindung zu bringen. Schon aus dem Alten Testament ersehe ich, dass Gott an Opfern keinen Gefallen hat, jedoch an Umkehr und gerechtem Handeln.
Welches Gottesbild steckt hinter Deinen Aussagen? »Steht Gott auf Blut?« – wie Gerda einmal provokant fragte? Ich denke: Die Allmachtsfantasien der Väter einer patriarchalen Gesellschaft kommen in Deinem Gottesbild – und in Teilen des biblischen – deutlich zum Ausdruck. Oft genug wurde leider ein Gott verkündet, der Unschuldige leiden macht und sie zu Straf-, Läuterungs- oder Prüfungszwecken quält. Ein allmächtiger, omnipotenter Herr, der das Leiden ändern könnte, wenn es ihm nur beliebte, der es aber vorzieht abzuwarten. Mit diesem »Sadisten in der Höhe« können Frauen wie Gerda nichts mehr anfangen – und ich auch nicht.                                 
Vielmehr verstehen Gerda und ich Gott als eine Kraft, die die Aufrichtung des von Sorge und Leid gebeugten Menschen will, nicht seine Zurichtung und schon gar nicht seine Hinrichtung. Die Macht Jesu besteht für uns darin, das Kreuz nicht allein tragen zu wollen, sondern Gemeinschaft herzustellen. Unsere Aufgabe ist nicht der Gehorsam, sondern Schulter an Schulter mit ihm zu gehen und zusammenzustehen im Leiden: mit dem Ziel, die Kreuzigungen zu beenden, gegen die bis heute fortgesetzte Entwürdigung von Menschen anzugehen in seinem Namen. Dann können wir Gott als Leben, als Freude und Schmerz, als gemeinschaftsstiftend, lebensfördernd und solidarisch im Leid denken.                                                                                     
Damit schließe ich meinen Brief an Dich – in der Hoffnung, dass Dir klar geworden ist, warum ich Dein Werk nicht sonderlich mag. Denn wer es nur hört und singt, ohne sich über die Inhalte Gedanken zu machen, ist zu wenig »protestantisch« in dem Sinne, Überliefertes auch einmal kritisch zu hinterfragen. Wer Gott nur mit den Worten der »Väter« weitersagt, manipuliert ihn, weil er mit den Worten der Väter zugleich die Welt der Väter zu bewahren versucht – und damit die gegenwärtige Welt von diesem Gott fernhält.               
                                                                                                                         (erstmals erschienen in: Publik-Forum Nr. 5/13.3.2009)        

                                                                                                                                         

                                                                                                                                

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