Journal für Orgel, Musica Sacra und Kirche

                   ISSN 2509-7601

          

       

                                                                                                                                          

           

Kirchenaustritt?      Update                 

Über die illusionäre Sehnsucht nach der umfassenden Geborgenheit im Schoß von Mutter Kirche (Teil 2) 

Der Ruf vieler Christinnen und Christen im katholischen Ritus nach Reformen blieb unter Johannes Paul II. und Benedikt XVI. völlig ungehört. Einer Einschätzung des Theologen Hans Küng zufolge dürften sich ca. 80 % der Kirchenmitglieder für nachhaltig öffnende Prozesse aussprechen.

Die Möglichkeiten reformaffiner Prozesse, wie sie Papst Franziskus immer wieder auf den Weg zu bringen versucht, können nicht realisiert werden, da die Bischöfe in summa die personellen Auswahlkriterien Wojtylas und Ratzingers repräsentieren. In der Logik einer Ständekirche gerät so die Perspektive des Langfristigen in den Blick, für die aber wenig Zeit zur Verfügung steht, denn angesichts massiv austrocknender Gemeinden wird sich der Wunsch nach Erneuerung bereits kurzfristig selbst ad absurdum führen.

Groteske kirchliche Vorstellung eines "Gesundschrumpfens"

Die Tradierung gelebten Glaubens ist überaus abgängig. In der BRD-Komfortzone einer staatlichen Eintreibung von Mitgliedsbeiträgen fällt dieses weniger stark auf, da vieles mittels Finanzkraft erhalten wird, was de facto nicht mehr lebensfähig ist. Wahrgenommene Erosionsprozesse werden oftmals schöngeredet. Bischof Franz-Josef Bode hat in treffender Weise zu bedenken gegeben, dass die Vorstellung eines "Gesundschrumpfens" die zweifelhafte Voraussetzung in sich trage, als Rest würde dabei der gesunde Teil überleben.  mehr   

Denjenigen, die gerne behaupten, dass die römisch-katholische Weltkirche nicht isoliert auf die angeblichen Reform-Sonderwünsche insbesondere der westlichen oder gar nur der deutschen Kirche Rücksicht nehmen könne, sei gesagt: Wären die Innovationen des letzten Konzils ohne die nachhaltigen Impulse tätiger Christinnen und Christen zu verstehen, die man zum Beispiel dem deutschen Reformkatholizismus oder der Liturgischen Bewegung zuordnen kann?

Eine Initiative österreichischer Priester (gegründet 2006) sieht sich aufgrund der dramatischen Lage dazu veranlasst, nicht länger zu schweigen: "Die römische Verweigerung einer längst notwendigen Kirchenreform und die Untätigkeit der Bischöfe erlauben uns nicht nur, sondern sie zwingen uns, dem Gewissen zu folgen und selbständig tätig zu werden ..."      


                                                                                                                 Zum Journal-Clip: "Zukunft der Krche?"  mehr   

Zum Journal-Clip: "Gotteslob & Kirche" (vier Thesen)  mehr

_____________________________________________________ 

Eine kleine Linksammlung zu innerkirchlichen Aufbrüchen:          

http://www.pfarrer-initiative.at/

www.pfarrei-initiative.ch  

http://oekumene-jetzt.de/ 

http://www.akr-regensburg.de/  

http://www.memorandum-priester-und-diakone-freiburg.de/      

http://bistumsreform-augsburg.de/   

http://pfingsterklärung.de/ 

http://kemptener-erklaerung.de/ 

weitere aktuelle Aufbrüche: http://wirsindkirche.de/?id=604

_____________________________________________________ 

Reformziele "Wir sind Kirche"  

1. Aufbau einer geschwisterlichen Kirche 

2. Volle Gleichberechtigung der Frauen 

3. Freie Wahl zwischen zölibatärer und nicht-zölibatärer Lebensform 

4. Positive Bewertung der Sexualität als wichtiger Teil des von Gott geschaffenen und bejahten Menschen 

5. Frohbotschaft statt Drohbotschaft  mehr  

_____________________________________________________

Hans Küng über die deutschen Bischöfe: "Aber wie soll eine solche Reform erreicht werden? Nach dem vierstündigen offenen und freundschaftlichen Gespräch in Castel Gandolfo 2005 mit meinem früheren Kollegen Joseph Ratzinger, Papst Benedikt XVI., war es meine von vielen geteilte Hoffnung, dass der deutsche Papst auf die Linie des Vatikanum II einschwenken und sich für Kirchenreform, Ökumene und den Dialog der Religionen wirkungsvoll einsetzen würde. Doch zuletzt auch auf seiner Deutschlandreise 2011 wurde der Hoffnung, vom Papst her könnte in Sachen Strukturreform und echter ökumenischer Verständigung etwas Entscheidendes geschehen, eine eindeutige Absage erteilt.

Von den romhörigen deutschen Bischöfen aber können wir nach allen bisherigen Erfahrungen nur Vertröstungen, Verschleierungen und Ausreden angesichts des angeblich »Weltkirchlichen«, faktisch aber römischen Widerstands gegen Reformen er­warten. Kontraproduktiv die geplanten arroganten Drohbriefe der Bischöfe bei Nichtbezahlung der Kirchensteuer, natürlich aus Angst vor dem Einbruch der Kirchenfinanzen. Die gleichzeitig ablaufende Farce eines vierjährigen, bisher fruchtlosen »Dialogprozesses« erinnert in fataler Weise an die vierjährige Synode der deutschen Bistümer schon in den 1970er-Jahren, die hervorragende Reformbeschlüsse fasste, welche aber vom Vatikan schlicht ignoriert und von den Bischöfen weder urgiert noch gar realisiert wurden. Außer Spesen ...

Müssen wir also jegliche Hoffnung auf Reform aufgeben und in Resignation verfallen? Nein, wir müssen angesichts mangelnder Reformimpulse »von oben« entschieden die Reformen »von unten« in Angriff nehmen."  mehr   
_____________________________________________________ 

"Viele scheinen die Kirche zu verlassen, weil diese sich zu wenig anpasst und nicht flexibel genug ist. Tatsächlich kann kein Organismus ohne Anpassungsleistungen überleben, was nicht nur für Dinosaurier gilt. Ohne die Fähigkeit zur Anverwandlung und Modernisierung erliegen erst recht soziale Gebilde der Versteinerung und „Verkalkung“. – Es gibt Erstarrungen und Verspätungen in der Kirche, die den Menschen schlechterdings nicht mehr zu vermitteln sind. Die sakramentale, theologische und strukturelle Benachteiligung der Frauen gehört dazu. In defensiver Ängstlichkeit wird hier zu retten versucht, was doch nur in „offensiver Treue“ (Metz) zu bewahren ist: Tradition – und riskiert auch noch die Lacher gegen sich zu haben. Als Johannes Paul II. sein Verdikt über das Frauenpriestertum damit begründete, dass Jesus keine Frauen in seinen Jüngerkreis berufen habe, sinnierte eine deutsche Zeitung, ob man seine Heiligkeit daran erinnern dürfe, dass Jesus auch keine Polen erwählt hatte. (...) Die Kirche nur zu modernisieren, ist ..."  mehr                                                                                  
Dr. Tiemo Rainer Peters OP 
(Das Zitat stammt aus dem sehr lesenswerten Artikel "ZWISCHEN GEHEN UND BLEIBEN - REFLEXIONEN" des Hamburger Dominikaners.) 

Paulus versus Priesterkirche 

Die sich verstetigenden regressiven Tendenzen zeigen auch innerkirchlich deutlichst Ängste gegenüber der Kraft aus, die in der paulinischen Universalformel (Gal 3,28) aufgezeigt wird. Der Kirchenhistoriker Arnold Angenendt hat in seinem Werk "Toleranz und Gewalt. Das Christentum zwischen Bibel und Schwert" eindrücklich aufgezeigt, welche nachhaltig emanzipatorischen Zivilisationsleistungen diese Gleichheitsformel auf den Weg zu bringen vermochte, jedoch - seiner bitteren Analyse zufolge - keinerlei Wirkung auf das innerkirchliche Ständesystem hatte. 

So kreist das selbstreferenzielle System Priesterkirche in aller Apartheid um sich selbst und drängt die Charismen der sog. Laien und insbesondere der Frauen an den Rand des Geschehens. Dort geraten sie ohne jegliche ernstzunehmende Partizipation an den Machtstrukturen zunehmend aus dem Blick der Seelsorgeeinheiten. Gleichwohl wird ihre Arbeit gerne in Anspruch genommen.  

Priesterlogik: Marginalisierung in XXL-Gemeinden

Die Einführung gigantischer Seelsorgeeinheiten ohne sichtbaren Bezug zur gewachsenen Lebenswelt der Glaubenden mag ein Zitat aus der Kirchenzeitung des Bistums Speyer darlegen: "Mit seinem Konzept „Gemeindepastoral 2015“ strebt das Bistum eine strukturelle und inhaltliche Neuordnung der pfarrlichen Seelsorge an, die ab 2015 Gültigkeit haben wird. Dann werden aus bislang 346 Pfarreien in 123 Pfarreiengemeinschaften 70 neue, größere Pfarreien entstehen."

Die Ideologie dieser grotesken Pläne besitzt die Logik: Dort ist Kirche, wo ein zölibatärer Kleriker weilt. Die Weihe von Viri probati, ein Frauendiakonat, die Mitverantwortung von Laientheologen oder gar Laien in den Gemeindeleitungen, das alles wirkt aufgrund der regressiven Tendenzen seit Johannes Paul II mittlerweile undenkbar. Kein Wunder, dass konstruktive Lösungsmöglichkeiten ignoriert werden.  

"Im Bistum Poitiers wurde ein anderer Zugang gewählt: Nicht der Mangel an Priestern bildet den Ausgangspunkt, sondern die „Unmöglichkeit, Pfarreien zu errichten beziehungsweise auf dem Papier bestehende Pfarreien als solche anzusehen". Im Mittelpunkt des kirchlichen Handelns steht damit nicht länger der Priester, sondern ..."  mehr    

"In vielen Bezirken des Bistums Limburg wurden durch die Gründung von XXL-Pfarreien vollendete Tatsachen geschaffen. In Wiesbaden gibt es nur noch drei Pfarreien, Mitte, West und Ost, aus bisher 20 Pfarrgemeinden. Als Pensionäre erleben wir die Schwierigkeiten und Nöte, die sich für viele Gläubigen daraus ergeben. Wie kann Kirche vor Ort lebendig bleiben oder noch lebendiger werden und der Glaube mit Freude gelebt werden? Diese Frage treibt uns um. Darum schreiben wir ..."  mehr   
                                                             
Ein intelligenter Beobachter der Szenerie brachte einmal Folgendes sinngemäß auf den Punkt: Man könne sich des Eindrucks nicht erwehren, dass das Ausbluten von Kirche an nicht wenigen Stellen billigend in Kauf genommen werde, da man auf diese Art und Weise wieder denjenigen Typus von Gläubigen erhält, der abhanden kam: den gehorsamen Katholiken.     

Einsicht in die institutionelle Hoffnungslosigkeit

Thomas Wystrach gab einst im ehemaligen Online-Auftritt von Publik-Forum in einem Kommentar Folgendes zum Besten:

"In seinem Beitrag “Mehr Geschlecht als Recht? Zur Stellung der Frau nach Lehre und Recht der römisch-katholischen Kirche” (enthalten im Sammelband “Zur Brisanz der Geschlechterfrage in Religion und Gesellschaft“, Innsbruck 2009) stellt der Bonner Kirchenrechtler Norbert Lüdecke “drei im Einzelnen sehr verschieden ausgeprägte Varianten” vor, die Gläubigen als Handlungsalternativen im System der “römisch-katholischen Kirche” zur Verfügung stehen: Der kämpferisch-emanzipatorische Weg transzendiert das römisch-katholische System und führt zwingend aus ihm heraus. (…) Der evolutiv-reformerische Versuch bleibt in der Methode systemimmanent, setzt auf Überzeugungsarbeit den Verantwortlichen gegenüber. Am Ziel ‘Gleichberechtigung’ hält er aber fest und ist insoweit illusionär. Er blendet den geltungstheoretischen Status lehramtlicher Aussagen, einschließlich irreformabler wie etwa die Unmöglichkeit der Priesterweihe für Frauen, aus. (…) Letztlich handelt es sich um eine uneingestandene oder anonyme Identifikation. Der explizit identifikatorische und konfessorische Weg ist der einzig kirchenamtlich legitime und gewünschte."

Alles hat seine Zeit. Das Neue kommt von ganz allein, und das früher, als wir alle denken: Es wird Hauskirchen geben, Messen ohne Priester ebenso. Freilich auch ohne Kirchensteuer. Bischöfliche Oberklasse-Limousinen werden ebenfalls verschwinden. Aber das sind nur wenige der zahlreichen Begleiterscheinungen. 

Semel catholicus, semper catholicus. Etwas galanter beschrieb es allerdings Hermann Hesse: "Jedem Ende wohnt ein Anfang inne."  (mpk)                                                                    

Hier klicken - Teil 1 des Beitrages "Kirchenaustritt"                             

                                                                                                                       

zurück