Journal für Orgel, Musica Sacra und Kirche

                   ISSN 2509-7601

  

                                                                                                                                                                                                                                                               

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"Einfach spielen! Anstiftung zur Improvisation"                - ein narrativer Lehrgang von Peter Ewers                        
                                                                                          
                                                                                                                                          Einst erzählte mir ein Priester des Erzbistums Paderborn sonntags nach dem Hochamt: Die musikalisch Interessierten im Theologenkonvikt der Domstadt hätten sich stets darauf gefreut, wenn Peter Ewers den damaligen Domorganisten vertrat. O-Ton: "Das war einfach sehr viel spannender!" Kurzum: Anspruch und Wirklichkeit fallen hier nicht auseinander. Der Praxisbezug des genannten Lehrgangs ist mehr als glaubhaft.                            

Nun könnte jeder, der eine Ewers-CD besitzt, in Demut verharren und rufen: "Wow! Aber ich schaffe das nie!" Jedoch gerade darin besteht der Wert dieser Anstiftung zur Improvisation: Genau jene Mutlosen oder oft auch durch hohe innere Ansprüche wieder Verzagten werden motiviert, in kleinen Schritten ihren Weg auf der großen langen Straße der persönlichsten aller Vergegenwärtigungen von Musik zu gehen. Mit der Improvisation bist du immer im Jetzt (Zeitfenster von 2 bis 3 Sekunden) und vor allem du selbst! So könnte eine der Ewerschen Botschaften formuliert werden.                                                                                              
In puncto Kleinschrittigkeit gibt es unzählige miniaturhafte und große, leichte und schwierige Notenbeispiele, die den Inhalt handlungsorientiert verdeutlichen und zum DIY veranlassen. Mit anderen Worten: Der motivationale Wert des Erläuterten trägt geradezu zu einer Entmystifizierung des Phänomens "Improvisation" bei. Ja, Ewers schafft es, durch eine geschickte Elementarisierung zu mobilisieren, ohne allzu sehr zu simplifizieren und schon gar nicht in ein plattitüdenhaftes Coaching abzugleiten. Insofern ist sicherlich der erste Teil des Titels, nämlich "Einfach spielen!", etwas irreführend und könnte zu Ressentiments führen, die völlig unberechtigt sind. 
 

Komponieren ohne Radiergummi ... 

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Leichte Orgelwerke mit und ohne Pedal - Tipps für die improvistorische Praxis mit Notenvorschau-Seiten zu Intonationen, alternativen Begleitsätzen, liedgebundenen Bearbeitungen und freien Werken für Einzug/Auszug und Kommunion/Abendmahl unter besonderer Berücksichtigung eines Organistenalltags mit kurzen Übezeiten  mehr               

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Ewers ruft beim Spieler den gewissen Aha-Effekt im Sinne von "Ach, so ist das aufgebaut!" hervor. Neben den fünf musikalischen Parametern Metrum und Rhythmus, Melodik, Harmonik, Klangfarbe und Dynamik fallen immer wieder die Termini Griffbild und Plot auf. 

Storytelling und Plot                      versus Organistenzwirn

Ab Seite 144 geht es richtig zur Sache: Ordnung ist mehr als das halbe Leben. So werden Strukturen und Handlungsmuster konstruktiv vermittelt. Ganz konkret kann man sich einen Eindruck von dieser Art musikalischer Gedankenhygiene machen. Gewiss mag der Quereinstieg anspruchsvollerer Natur sein; Storytelling und Plot berühren jedoch den Dreh- und Angelpunkt der Ewerschen Gedankenwelt grundsätzlich. Leichtere praktische Einstiege (Seite 38) sind ebenso zu finden wie eine elementarisierte Einführung in den 2. Messiaen-Modus (S. 62), die bereits vieles farbiger gestalten lässt.

Spannend und unterhaltsam wirkt diese Improvisationsvademecum angesichts der Vernetzung mit verwandten Themen. Es liest sich wie die Quintessenz aus Unterrichtseinheiten, die man bei guten Lehrern erlebt. Organistinnen und Organisten, die mal über längere Zeit einen reiferen und abgeklärteren Unterricht genießen durften, wissen, was ich meine. Das Orgelspiel hat mit mehr als nur Artikulation, Technik und bestmöglicher Performance zu tun. Orgelmusik sollte - für mich zumindest - reflektierterweise zwingend in weitere Spannungsfelder aus Gott und der Welt eingebunden werden. Hier ergibt sich für Ewers ein gewisser Mitteilungsschwerpunkt durch zahlreiche profunde Einblicke in recht unterschiedliche Musik- und Kulturszenen und der Psychologie, die hier durchaus kulturphilosophische Akzente besitzt. Durch prägnante Schilderungen und Analysen wird die Dialektik gewinnbringend vorangetrieben. Das Stichwort heißt hier Horizonterweiterung. Der Autor wirkt nicht nur belesen, sondern auch in reifer Weise erfahren.  

Peter Ewers: Einfach spielen! Anstiftung zur Improvisation 

Ein gewisses Manko des Werkes scheint zunächst in der frankophilen Ausrichtung zu bestehen, was jedoch durch den Umstand gemildert wird, dass Ewers durch die verschiedenen Facetten dieser bei genauerem Blick gar nicht so sehr homogenen Stilismen gleichwohl unterschiedlichste Module bereithält, durch deren individuellen Beispielcharakter jeder seinen Personalstil finden kann.   

Eingedenk der Tatsache, dass mit dem Titel "Einfach spielen! Anstiftung zur Improvisation" das opulente Werk von 335 Seiten kaum treffend zu bezeichnen ist, darf mit Recht vermutet werden, dass das Buch alle Chancen besitzt, in der Organistenszene zum Klassiker zu werden. Der Begriff Organistenszene dürfte hier jedoch auch weit zu fassen sein, da sich sogenannte Orgelliebhaber gewiss angesprochen fühlen können. Die vielen vernetzenden Schilderungen lassen immer wieder hinter die Kulissen schauen, die man ansonsten nur von moderierten Konzerten, CD-Booklets oder Monographien - oder durch Gespräche mit Kundigen! - her kennt.                                                                                                                           
Dieser instruktive Leitfaden wirkt sehr reflektiert, erstaunlich integrativ, intrinsisch motivierend und vor allem narrativ. Kurzum - eine spannende Lektüre! 
 (mpk)

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