Journal für Orgel, Musica Sacra und Kirche

                   ISSN 2509-7601

            

                                              

                

„Fast zu Tieren entartet“ - Kardinal Jaeger war wohl ein Nazi-Kollaborateur 

Peter Bürger und Wolfgang Stüken stellen berechtigte Fragen. Die Nachfragen beziehen sich auf den Paderborner Erzbischof Lorenz Kardinal Jaeger unter besonderer Berücksichtigung seines Hirtenwirkens in den Jahren von 1941 bis 1945. Manche Mitglieder des Erzbistums empfinden sie als unangenehm. Jaeger gilt bis heute als wenig hinterfragte Identifikationsfigur im katholischen Ritus. 

Zielgerichtete Nachfragen zu Jaegers Vergangenheit gibt es jedoch schon lange. Nicht ohne Grund wurden bald nach dem Krieg Jaegersche Textpassagen ohne Kenntlichmachung zu löschen versucht. Auch das bekannte „Fast zu Tieren entartet“ gehörte dazu. Wolfgang Stüken kommt zu folgendem Urteil: „Bei keinem anderen deutschen Bischof werden in der Nachkriegszeit wegen seiner in der NS-Zeit gehaltenen Predigten so viele peinliche Vertuschungsversuche unternommen“. Die binnenkirchliche Apologetik an der Pader funktionierte zuweilen, konnte jedoch nicht verhindern, dass die Fragen verstörend wirkende Antworten erhielten. 

Paradigma „Stufen der Kollaboration“ 

Lassen wir Peter Bürger zu Wort kommen: "Wir Heutigen haben in der Tat kein Recht, aus bequemer Position heraus einen Bischof der nationalsozialistischen Zeit oder sonst jemanden zu verurteilen, weil er keinen Widerstand geleistet hat. (Hier gilt ohne Einschränkung „Matthäus 7,1“.) Das Bistum Paderborn ist im dritten Reich durch mutige Christen und auch Märtyrer beschenkt worden. Die Vertreter der obersten Bistumsleitung an der Pader gehörten nicht zu diesem Kreis von Begnadeten, und dies war nicht zuletzt auch kirchensoziologisch – d.h. „weltlich“ – bedingt.

Indessen geht es im Fall von Lorenz Jaeger keineswegs etwa nur um Kritik an zu großer Passivität (Schweigen) bzw. an einem bloßen Mitläufertum, welches in sich mit einer besonderen stadtbürgerlichen Ehrung schon denkbar schlecht zusammenpasst. Der renommierte Historiker Olaf Blaschke schlägt vor, dem beschönigenden Ansatz vieler kirchengebundener Geschichtsforschungen das Paradigma „Stufen der Kollaboration“ entgegenzustellen. Und genau hier sind die erschreckenden Befunde aus der Amtsführung des Paderborner Erzbischofs im dritten Reich einzuordnen. Es geht um bedenkliche Stufen einer ohne äußeren Zwang getätigten Kollaboration mit dem nationalsozialistischen Regime (demonstrative Loyalitätserklärung, implizite ‚Sabotage‘ der kirchlichen Menschenrechtsinitiative durch Betonung einer ‚deutschen Blutgemeinschaft‘) und speziell mit dessen Kriegsapparat (menschenverachtende Feindbildpropaganda, Durchhaltepredigt für einen ‚Soldateneinsatz bis in den Tod‘).“

Fragwürdiger Gehorsam - damals und heute?  

Vielen erscheint Kardinal Jaeger heute als untragbar. Sein Amtsnachfolger Erzbischof Hans-Josef Becker war äußerst gut beraten, im Frühjahr 2015 die Theologische Fakultät Paderborn mit einem Forschungsprojekt zu beauftragen, mit dem Jaegers Rolle in den Jahren des Krieges und der Nachkriegszeit aufgearbeitet werden soll.

Damit ergibt sich zumindest in Ansätzen eine erneute Chance für die deutschen Bischöfe, sich eine Zeit des weitgehenden Versagens ehrlich einzugestehen und dieses auch ohne Ausflüchte auszusprechen. Aber wer mag schon Hirten mit der Möglichkeit einer fundamentalen Desorientierung folgen, wenn man den character indelebilis allzu überhöht wahrnimmt?

Stephan Chmielus gibt in einer Rezension des Buches "Erinnern um der Zukunft willen" von Heinrich Missalla Folgendes zu bedenken: "Wenn kirchlichen Amtsträgern damals Fehlurteile und falsche Belehrungen ihrer Gläubigen unterlaufen sind, welche Garantie gibt es dafür, dass ihre heutigen Weisungen den Herausforderungen der geschichtlichen Situation gerecht werden? Manche Probleme der heutigen Kirche hängen aus seiner Sicht damit zusammen, dass fragwürdiger Gehorsam im Denken der Bischöfe noch immer eine zu große Rolle spielt." (Stephan Chmielus: Erinnern um der Zukunft willen, in: Bischöfliches Generalvikariat Münster (Hg.), Kirche und Schule, 174 (2015), S. 42.)

Die Causa Lorenz Kardinal Jaeger stellt eine nachhaltige Infragestellung katholischer Machtprojektionen sowohl unter Gläubigen als auch unter den Funktionären mit Mitra dar.  (mpk)         

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Zum Download der 29-seitigen Schrift von Peter Bürger „Lorenz Jaeger und die „Stufen der Kollaboration“. Stellungnahme und Dokumentation zum Antrag der Demokratischen Initiative Paderborn, die Ehrenbürgerschaft des 1941 ernannten Erzbischofs rückgängig zu machen. Zum 8. Mai 2015“ (PDF 561 KB) hier klicken! 

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Peter Bürger: Das Schweigen der Bischöfe, in: Telepolis, 24.04.2014.  mehr ...   

Wolfgang Stüken: Hirten unter Hitler. Die Rolle der Paderborner Erzbischöfe Caspar Klein und Lorenz Jaeger in der NS-Zeit, Essen 1999. (zur Zeit nur antiquarisch erhältlich)

Heinrich Missalla: Erinnern um der Zukunft willen. Wie die katholischen Bischöfe Hitlers Krieg unterstützt haben, Oberursel 2015.  mehr ...  
  
Lorenz Kardinal Jaeger, Hirte unter Hitler - Vortrag und Diskussion mit Peter Bürger (Paderborn 02.06.2015), YouTube-Kanal von Berthold Baxmann  mehr ...  

Werner Graf: Lorenz Jäger. Ein Feldherr Gottes in Hitlers Krieg, in: Jahrbuch Paderborn 1986, hg. v. Michael Fuchs, Werner Graf, Ulrike Kron, Paderborn 1986, S. 136-150.  mehr ... (Auszug)   

Peter Bürger (Hg.): Friedenslandschaft Sauerland – Beiträge zur
Geschichte von Pazifismus und Antimilitarismus in einer katholischen
Region, (= daunlots. internetbeiträge des christine-koch-mundartarchivs
am museum eslohe. nr. 77), Eslohe 2015.  mehr ...  (PDF 7,3 MB; insb. S. 83-87 sowie S. 328-331 zur Causa Lorenz Jaeger)  

    

                                                                                                                       

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