Journal für Orgel, Musica Sacra und Kirche

                   ISSN 2509-7601

  

                                                                                                                

 

Pneumatik und ihre spielpraktische Bewältigung             - Tipps im Unterrichtston

Über Karl Richter wird in einer Musikstudenten-Anekdote berichtet, dass er an einer pneumatisch gesteuerten Orgel mit dem dritten Manual zu kämpfen hatte. Es ließ beispielsweise die auf ihr gespielten Töne in einer Bachschen Trio-Sonate um eine Sechzehntel später erklingen. Richter bereitete sich intensivst auf das Konzert an dieser Orgel vor. Es ist von 48 Stunden die Rede, ganz im Gegensatz zu seinen späteren Konzerten auf wohl "normaleren" Orgeln. So soll er hin und wieder kurz vor dem Eintreffen in der Konzert-Kirche nach dem Programm gefragt haben. Wie sagte Heinrich Heine: "Glücklich der Mann, der den Hafen erreicht hat ..."       

Hier aber nun Michaels Tipps im Unterrichtston: "Ein Organist kontrolliert idealerweise An- und Ansprache jedes Tons über Gehör und Tastsinn zugleich. Das ist – jedenfalls bis jetzt – nur bei einer mechanischen Traktur möglich – immer unter der Voraussetzung, sie ist funktionssicher und leichtgängig gebaut. Schon bei einer elektrischen Traktur, die pünktlich arbeitet (theoretisch möglich, aber in der Praxis weisen auch die meisten Elektriken eine Verzögerung auf), fehlt bereits die taktile Kontrolle.                                                                                                                                            
Eine Pneumatik, die zwangsgläufig (je nach Bauweise als Zustrom-, Abstrom- oder Wechselwindpneumatik) unpünktlich an- und/oder abspricht, fällt auch die Hörkontrolle weitgehend weg. Sich auf eine Pneumatik „positiv“ einzustellen, erfordert ebenso viel Zeit (und ist für mich ebenso nervig) wie das Umstellen auf eine abstruse Pedal“norm“. „Anfahende“ Organisten neigen auf Pneumatik gern zum Schleppen, weil sie auf die Töne warten, statt sie „vorauszuhören“. Außerdem verliert das Spiel beim alleinigen Üben auf Pneumatik sehr schnell an Klarheit. Denn sie erfordert ein „Überlegato“ (das z.B. Helmut Walcha beim Bachspiel lehrte, damit Bachs Polyphonie auf Pneumatik „cantabel“ klingt), das beim Spiel auf Mechanik dann als „klebrig“ empfunden wird. Ein regelmäßiger und versierter Mechanik-Spieler empfindet sein Legatospiel auf Pneumatik zunächst als „Hackerei“. 

Das wirst Du merken, wenn Du das kleine F-Dur-Präludium von JSB auf Mechanik sauber übst und es dann auf Pneumatik spielst – möglicherweise mit überengen, von Natur aus träge ansprechenden Streichern (Äoline etc.). Natürlich kann man sich – entsprechende Erfahrung vorausgesetzt – auf eine Pneumatik einstellen. Umso wichtiger wird dann aber die Übemöglichkeit und regelmäßige Übepraxis an einem mechanischen Instrument, bzw. am häuslichen Klavier.                                   
Ich selber hatte sieben Jahre lang ein großes pneumatisches Dienstinstrument – zum Glück mit einer erfreulich pünktlich und weitgehend zuverlässig arbeitenden Wechselwindpneumatik aus 1937 – quasi Pneumatik in High-End-Technologie, die viel Pflege erforderte. Bei jedem Wechsel der Großwetterlage mussten die Stellschrauben der sog. Auslaßblockierung an den peinlich genau und aus bestem Eichenholz gearbeiteten Wechselwind-Relais im Spieltisch – pro Manual 56 (mal 3 plus elektropneumatische „Gegenorgel“ im Chorraum) und beim Pedal 30 – auf optimalen An- und Ansprachepunkt justiert werden. (Die mächtigen, tragfähigen Prinzipale und die poetischen Flöten und Streicher dieser Zeilhuber-Orgel ent-schädigten mich in einer Zeit, in der sprödester Neo- und Pseudobarock up to date war, für den allwöchentlichen Pflegeaufwand.) Und an der zweiten Predigtstätte stand eine sehr ruppige Mechanik (mit Knackpunkten statt Druckpunkten), die zu allem Übel die damals neue BDO-Pedalnorm mit Pedal-dis unter Manual-dis0 hatte. Jeder sonntägliche „fliegende Wechsel“ trieb mir anfangs den Angstschweiß auf die Stirn. Geübt habe ich damals weitgehend beim kath. Kollegen. ...                                                                                                                               Um sich auf das Spielgefühl einer Pneumatik einzustellen und ein Gefühl für An- und Absprache zu entwickeln, spiele ich gern mit Flöten 8’ und 4’ eine der 2-stimmigen Bach-Inventionen auf beiden Manualen in unterschiedlichen Tempi durch, erst sehr langsam, dann das Tempo anziehend. Ziel ist zunächst ein dichter, kompakter „Tonstrom“, dann probiere ich diverse Artikulationsweisen durch. Dadurch bekommt man ein Gefühl für die Tücken des Objektes, denn so ziemlich jede Pneumatik reagiert anders.                                                                                                                                    Ich habe manche Orgel gespielt, bei der sogar die einzelnen Werke unterschiedliche An- und Absprachecharakteristiken hatten. Denn nicht immer hielten die Orgelbauer innerhalb eines Instrumentes ein System konsequent durch. Bei mancher Steinmeyerin der Jahrhundertwende finden sich z.B. im Hw. die (im Neuzustand) relativ flinken Taschenladen mit Abstromsystem, das Nebenmanual hat eine Einstrompneumatik. Erst am eigentlichen Windladenrelais wird auf Abstrom geschaltet. Das Pedal hat dann oft Kegelladen, wegen der üppigeren Windversorgung, die dann erkauft ist mit einer höheren Massenträgkeit der relativ großen Kegel und den erforderlichen Ventilgrößen bei den Hubventilen – bei den ohnehin etwas müde reagierenden Violonbässen muß man dann nur die Pedalstimme „vordenken“, während der Manualpart recht pünktlich kommt. Im Triospiel kann es dann passieren, daß ein Manual pünktlich an- und träge abspricht und beim anderen ist es genau umgekehrt. Das kann jemanden, der eine absolut pünktliche Mechanik gewöhnt ist, bei schnellen Zeitmaßen ganz schön „schmeißen“. Um das mangelnde Druckpunkt-Gefühl vieler Pneumatiken zu kompensieren, hat mir bereits mein erster Orgellehrer beigebracht, sehr bestimmt bis zum Anschlagpunkt in die Tasten zu gehen. (Bei den alten Theoretikern heißt diese Technik „Schnellen“.) Das führt natürlich zu dem harten Klavieranschlag, den man Organisten ja gern nachsagt.

Ach ja, und dann natürlich: Metronom, Metronom, Metronom - ich weiß: grausam. Aber da mußt Du durch ..."

(aus einem mittlerweile gelöschten Orgelforum)

                                                                                                                           

                                   

                                                                                                                                

zurück