Journal für Orgel, Musica Sacra und Kirche

                   ISSN 2509-7601

  

 

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Choralbearbeitungen einzelner Komponisten:

Dabei setze ich voraus, dass jeder sein „Orgelbüchlein“, die „Leipziger Choräle“ etc. von JSB hat – es soll auch Ausgaben geben, die Bachsche Choralvorspiele in die heute üblichen EG- oder GL-Tonarten transponieren. Ich besitze keine, da ich Bachs choralgebundene Orgelwerke als „Literatur“ verwende und nicht zur Choral-einleitung. 

Gleich nach dem „Orgelbüchlein“ und noch vor Regers op. 67 kommen für mich die „66 Choral-Improvisationen op. 65“ von Sigfrid Karg-Elert. Ich kenne keine weitere Sammlung von so differenziertem Formenreichtum und stilistischer Vielseitigkeit. Natürlich ist nicht alles, aber doch recht vieles mit wenig Aufwand zu spielen. In puncto Ausdeutung von Text- und Stimmungsgehalt ist Karg-Elert allein durch seine raffinierte Klangregie (die eine entsprechend dimensionierte Orgel voraussetzt) eine Ausnahmeerscheinung. Er bringt es fertig, aus den paar Takten von „Jesu, geh voran“ ein Stück von sinfonischem Zuschnitt und ebensolchen Dimensionen zu machen. Ich liebe vor allem die Festchoräle („Wachet auf“, „O Ewigkeit, du Donnerwort“, natürlich die heute populäre „Marche triomphale“ über „Nun danket alle Gott“. Dazwischen finden sich immer wieder reizende Miniaturen wie „Alles ist in Gottes Segen“, das in nur 20 Takten (auf drei Manuale verteilt!) vom „piano delicato“ bis zum „Organo Pleno“ führt. Schon Karg Elerts Vortragsbezeichnungen sprühen vor Esprit! Die Stücke gibt es in sechs thematisch gegliederten Heften (1. Advent/Weihnachten. 2. Passionszeit, 3.Neujahr, Ostern, andere Festtage, 4. Himmelfahrt/Pfingsten, 5. Reformationstag, Bußtag, Abendmahl, Totenfest und 6. Konfirmation, Trauung, Taufe, Erntefest) bei Breitkopf unter EB 8261 – 66. Meine Noten habe ich übrigens bei „Breitkopf & Härtel London, Dolphin Yard“, gekauft. 1974 waren sie nicht im deutschen Sortiment!! Dort habe ich auch Karg-Elerts „20 Prae- und Postludien (Choralstudien) für Orgel op. 78“ beschafft. Darin unter anderem ein pompöses Nachspiel über „Lobt Gott, ihr Christen allzugleich“  („alla Toccata“) und eine verträumte „Air“ über „Jesus, meine Zuversicht“. Das Heft gibt es jetzt wieder bei Breitkopf, Germany, EB 8269.

Die kleineren Choralvorspiele von Max Reger gehören ebenfalls in jede umfangreichere Orgelbibliothek. Sinnvollerweise besorgt man sich den Band 7 der Reger-Gesamtausgabe von Breitkopf (EB 8497), darin sind die „52 leicht ausführbaren Vorspiele zu den gebräuchlichsten ev. Chorälen op. 67“, „13 Choralvorspiele op. 79b“, „30 kleine Choralvorspiele op. 135a“ und „6 Choralvorspiele ohne Opuszahl“ enthalten, also bis auf die großen Fantasien das gesamte Choralschaffen Regers. Als Einstieg in die Tonsprache empfiehlt sich op. 135a, Reger hat es einem Mäzen und Hobby-Organisten gewidmet. Die Stücke sind wirklich leicht und trotzdem schon „richtiger“ Reger. Als „junger Wilder“ habe ich meine Gemeinde alladventlich mit „Macht hoch die Tür“ als Begleitsatz „confundiret“, bin darob auch „admoniret“ worden, erwies mich jedoch jahrelang als „incorrigibel“. Für viele der anderen Stücke verlangt Reger selbst einen „über eine souveräne Spieltechnik gebietenden Spieler“. Das Üben lohnt sich!

Wer es gern etwas leichter zugänglich und vor allem allgemeinverständlich hat (und wer hat schon eine substantielle „Reger-Orgel“?), kommt an J.G. Walther nicht vorbei. Sein reiches Choralschaffen ist in den meisten Standardsammlungen üppig verbreitet, üblicherweise in die alten EKG- oder neuen EG-Tonarten transponiert . Die textkritisch ausgezeichnete Neuausgabe der Choralbearbeitungen in drei Bänden von Klaus Beckmann (bei Breitkopf, alphabetisch geordnet, EB 8679 / 8680 / 8681) bietet die Originaltonarten, also oft zu hoch. Aber es ist nun mal die „wissenschaftliche“ und damit korrekte Ausgabe. Wer dennoch „mehr“ Walther will, trifft mit den „Orgelchorälen“ hg. von Otto Brodde bei Bärenreiter, (BA 379) eine gute Wahl. Brodde hat nur Bearbeitungen ausgewählt, die in den damaligen Bärenreiter-Sammlungen bisher nicht enthalten waren. Unter anderem eine große Partita über „Lobt Gott, ihr Christen allzugleich“. Wer Fortschritte in der choralgebundenen Improvisation machen will, kommt am intensiven Studium von Walthers (und Pachelbels) Arbeiten nicht vorbei. Das ist bestes Organisten-handwerk, spürbar „aus den Fingern“ gelaufen.

Ein gutes Stück leichter sind die „44 Choräle zum Präambulieren“ des JSB-Onkels Johann Christoph Bach, erschienen bei Bärenreiter (BA 285). Durchsichtiger Satz mit mäßiger Polyphonie (Imitationen, mehr oder weniger strenge Kanons) über Pedal-Orgelpunkten, trotz einfacher Faktur nie „simpel“ klingend. Ich habe die Sätze im Unterricht immer zum Einstieg in das Pedalspiel erarbeiten lassen.

In allen Sammlungen der Jahrhundertwende üppigst vertreten, dann 80 Jahre lang in „Verschiß“, jetzt wieder „hoffähig“: die Choralvorspiele von Christian Heinrich Rinck. Eine gelungene, praxistaugliche Auswahl in „neuen“ Tonarten gibt es, hg. von Ehrenfried Reichelt, bei Strube (VS 3239). Die rund 40 Bearbeitungen des Heftes passen zu mehr als 80 EG-Chorälen. Die formale Vielfalt und die reizvolle, frühromantische Harmonik strafen das vernichtende Urteil Lügen, das meine Lehrergeneration über diese Musik fällte.

Wer es lieber doch so richtig „barock“ mag und eine triofähige Orgel hat, sollte zu den „Choralvorspielen für Orgel“ von Georg Andreas Sorge greifen, hg. von Helmut Scheck bei Böhm & Sohn, Verlagsnr. 12694-72. 11 anmutige Choraltrios mit c.f. in Sopran, Tenor oder Baß und spätbarocker Klangsprache bei mäßigem Schwierigkeitsgrad machen viel Spielfreude. Aus dem Vorwort ist zu erfahren, dass weitaus mehr Choralvorspiele von Sorge überliefert sind. Darauf wäre ich nach Kenntnisnahme dieser Auswahl neugierig.

In der formalen Traditionslinie Rincks und der harmonischen Enkelschaft Mendelssohns steht der Berliner Orgelmeister Otto Dienel. Seine „43 Choral Preludes for Service use“, hg. von Bert Wisgerhof bei Willemsen/Huizen (Verl.Nr. 714), sind äußerst praxistauglich, klingen vor allem auch auf den „übriggebliebenen“ Dorforgeln der Jahrhundertwende und sind ausgesprochen gut gemacht. Dienel schreibt einen sehr durchsichtigen, klassischen Satz und verzichtet auf Effekthaschereien. Das Tonmaterial ist logisch aus dem jeweiligen c.f. entwickelt. Spielen kann das eigentlich jeder – und das war Dienels Absicht.

Wer hinter dem biederen Titel „Choralvorspiele für Dorforganisten“ von Max Drischner banale Kadenzenschusterei vermutet, wird Augen (und Ohren) machen. Drischner erwartet vom „Dorforganisten“ eine gehörige Portion Übefleiß und Fingerfertigkeit, erfordert aber nie wirkliche „Virtuosität“. Der Lohn der Mühe sind liebevoll gearbeitete, durchweg manualiter zu spielende Arbeiten in konventioneller, barocksierender Klangsprache. Der Band enthält jede Menge Improvisations-anregungen, was durchaus im Sinne des Erfinders ist. Erschienen ist das Heft bei Schultheiss in Tübingen, m.W. liegt der Vertrieb inzwischen bei Thomi-Berg. Mein Exemplar habe ich seinerzeit beim pro-organo-Versand in Leutkirch bestellt.                                                                                                                     
Eine weitere Drischner-Sammlung „Choralvorspiele für Orgel mit Pedal“ entspricht den selben Kriterien und erfordert obligaten Pedalgebrauch, was die Schwierigkeit aber nicht erhöht. Erschienen ist das Heft ebenfalls bei Schultheiss, genauso wie zwei Einzelausgaben von Drischners „Choralfantasien“: „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ und „Wie schön leuchtet der Morgenstern“. Das sind schon richtige, „große“ Konzertstücke auf C-Prüfungs-Niveau. Letztere habe ich wegen des schönen Giguen-Charakters gern auf dörflichen Orgelweihen gespielt - vor allem, um die Trompete bzw. das Zungenplenum vorzuführen.

Zum Schluß für heute noch eine empfehlenswerte Sammlung mit handwerklich gediegenen Barock-Stilkopien: „Gottesdienstliche Orgelmusik im alten Stil“ nennt Paul Horn sein Heft, das bei Strube unter VS 3072 erhätlich ist. Der Autor hat 16 längere Choralbearbeitungen geschrieben, in denen der c.f. bevorzugt im Tenor liegt. Ideenreiche Kontrapunkte und mäßiger Schwierigkeitsgrad zeichnen die Stücke aus, die vor allem als Abendmahlsmusiken oder als längere Präludien zum Wochenlied gute Dienste leisten. Als Zugabe gibt es noch vier Präludien und Fugen in barockem Duktus, das in D ein richtig prunkendes „Festpräludium“ in organo pleno – leicht, aber nicht simpel, daher so richtig geeignet, Orgelschülern Erfolgserlebnisse zu verschaffen.

Einer der „orgelbewegten“ Komponisten von Gebrauchsliteratur zwischen den Weltkriegen war Paul Kickstat. Den Begriff „Gebrauchsliteratur“ sei her nicht abwertend, sondern als Kompliment verstanden. Denn Kickstat liefert ausgezeichnete Vorspielliteratur. Er arbeitet – in einer jedem Hörer zugänglichen, konventionellen Tonsprache - nach den Prinzipien der barocken Affektenlehre und erfindet originelle, textausdeutende Kontrapunkte zu den Chorälen. Und das alles bei äußerst mäßigem Schwierigkeitsgrad. Ich selber mag die Trios am liebsten („Nun danket all und bringet Ehr“, „Lobt Gott, ihr Christen“, „Herzliebster Jesu“, „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ etc.), sie sind z.T. wirkliche kontrapunktische Kunststückchen und klingen auf jedem neo-barock konzipierten Instrument ideal. Insgesamt gibt es sieben Hefte, erschienen bei Möseler unter M. 19.001 bis 19.007. Leider ist in jedem Heft das Alphabet das einzige Ordnungskriterium. Um das EG relativ flächendeckend zu erfassen, braucht man schon alle Hefte. Und da sie nicht thematisch oder nach EG-Nummern geordnet sind, geht dann das Suchen los. Möseler würde sich mit einer „sortierten“ Neuauflage wirklich verdient machen. Mein Gegenmittel: Schon vor Jahren habe ich mir die sieben Hefte in einen Band binden lassen, die Seiten neu paginiert und ein Register (mit Choralkonkordanz) nach Liedanfängen und nach (alten) EKG-Nummern erstellt. Das vermeidet Sucharbeit und hat dazu geführt, dass ich relativ regelmäßig zu der Sammlung greife. Ein neues EG-Nummernverzeichnis wäre eigentlich jetzt mal dran...

Im unfangreichen Oeuvre von Flor Peeters gibt es drei Sammlungen, die ich für spielens- und beachtenswert halte. „Thirty short Preludes on well-known Hymns“ op. 95, erschienen bei Peters, EP 6195. Schon der Titel zeigt, dass die Sammlung für den angelsächsischen Markt konzipiert ist. So umfasst die Auswahl überwiegend Choräle der Anglikaner, aber auch deutsche „Klassiker“ wie „Großer Gott, wir loben dich“ kommen vor. Schön ist an allen Peeters-Ausgaben, dass der jeweils zugrunde liegende Choral in (englischem) Text und Noten abgedruckt ist. Gerade diese nur wenige Takte zählenden Miniaturen eignen sich ausgezeichnet zur Einführung in Peeters’ linear-polyphone Tonsprache. Das meiste ist auch leicht zu spielen – wer mit der strengen legato-Zweistimmigkeit der r.H. in Quarten und Sexten Schwierigkeiten hat, sollte vorher in Peeters’ ausgezeichnete Orgelschule „ars organi“ Bd. II (erschienen bei Schott) die Etüden zum zweistimmigen Legatospiel in einer Hand intensiv durcharbeiten. Zwischenbemerkung: Ich halte diese dreibändige Schule, aus der ich selber gelernt habe, immer noch für die beste und didaktisch sinnvollste für Schüler, die es ernst meinen mit dem Orgellernen. (Wiewohl neuere Konzepte dem gesellschaftlichen Trend huldigen und den „Spaßfaktor“ betonen, womit sie – hoffentlich - der Schülergeneration anno 2005 einen wirklichen und keinen Bärendienst erweisen. Denn wer wirklich Orgel „spielen“, will, kommt nun mal ums „Pauken“ nicht herum.) Peeters’ Schule führt – immer einen guten Lehrer und viel Übefleiß vorausgesetzt - in drei, vier Jahren zur technisch souveränen Beherrschung des Instrumentes – vor allem zu einer grundsoliden Pedaltechnik. Außerdem enthält sie sehr viel wirklich wertvolle Literatur für „anfahende“ Organisten.                                                                                                                     
Etwas umfangreichere Choralbearbeitungen sind in der Sammlung „30 Chorale Preludes opp. 68, 69, 70 zusammengefaßt, erschienen in drei Heften bei Peters, EP 6023, 6024, 6025. Hier findet sich trotz englischer Titel und Texte durchweg deutsches (überwiegend ev. Bzw. ökumenisches) Choralgut. Der Schwierigkeitsgrad geht ebenfalls selten über C-Prüfungs-Niveau heraus. Auch die Klagsprache bleibt dem normalen Gottesdienstbesucher immer gut zugänglich.
Wer danach „Blut geleckt“ hat und noch mehr will, kriegt „Peeters bis zum Abwinken“ in den 24 Heften der „Hymn Preludes for the liturgical year, op.100“, die m.w umfangreichste Choralvorspiel-Sammlung eines einzelnen Komponisten auf diesem Planeten, ebenfalls bei Peters, EP 6401 bis 6424. Die Ordnung folgt dem Kirchenjahr, so dass man durchaus selektiv anschaffen kann. In diesen Heften findet sich ALLES, von der kleinen (ganz leichten) Choralbearbeitung mit 16 Takten bis zur (virtuosen) großen Choralfantasie oder zur konzertfähigen Partita. Natürlich schleicht sich in ein so umfangreiches Opus etwas „Massenproduktion“ ein. Aber der Formen- und Ideenreichtum des Komponisten ist schon sehr beeindruckend. Ich habe mir alle Bände mal vom Christkind bringen lassen (ansonsten wär’s ein teuerer Spaß geworden).

Nicht ganz so viel Eigencharakter haben die vielen Choralbearbeitungen, die Herbert Paulmichl in diversen Verlagen zu den Liedern des kath. GL veröffentlicht hat. Sie sind allesamt satztechnisch sehr gediegen, bisweilen etwas formelhaft, aber immer gut klingend. Paulmichl hat eine besondere Vorliebe für Kanonformen – cantus firmi im Oktav- oder Quintkanon sind allgegenwärtig. Fugen über Verszeilen, gelegentlich auch kleine Variationsformen sind in den – stets thematisch geordneten –Heften ebenfalls zu finden. Neun Hefte sind unter dem Titel „Orgelbüchlein zum Gottesdienst bei Doblinger erschienen (Hefte 1 – 6 Verl.Nr. 02 361 – 02 366, Hefte 7 – 8 Verl.Nr. 02 402 – 02 404. Besonders gut gelungen – da deutlich originellere Kontrapunkterfindung als in den übrigen Heften – sind die Bearbeitungen zu Advents- und Weihnachtsliedern in den Heften 1 und 9. Spielenswert ist auch ein kleiner Zyklus über „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“ in Heft 4 („Lob und Dank“). Ich habe ihn mehrfach erfolgreich bei Orgelvorführungen verwendet. 

„Das liturgische Jahr“ heißt eine achtteilige Paulmichl-Heftreihe bei Butz (BU 1119 – 1126). Die Hefte enthalten z.T. längere Choralbearbeitungen, sind ebenfalls thematisch geordnet. Besondere Praxistauglichkeit hat Heft VIII, „kleinere Stücke zum Gotteslob“ (manualiter), überwiegend Lob- und Danklieder, Gesänge aus den Meßreihen des GL und Christuslieder. Heft VII mit Pedaltoccaten hat mehr Etüdencharakter als liturgische Berechtigung. Heft IV bietet u.a. eine große Fuge über „Lobe den Herren“ und ein klangprächtiges Präludium über „Erfreue dich, Himmel“. Schließlich hat Paulmichl noch bei „pro organo“ in Leutkirch veröffentlicht – wenn ich mich recht entsinne ebenfalls sechs oder sieben Hefte. (Leider hat der Verlag und Versand immer noch keine Homepage, deshalb kann ich es jetzt auf die Schnelle nicht recherchieren.) Die Reihe heißt „Choralvorspiele zum GL“. Ich selber besitze nur Band III (Verl.Nr. 1068) „Lob und Dank, Vetrauen und Bitte, Meßgesänge“. Die Edition zeichnet sich auch durch ein sehr gut lesbares Notenbild aus – in den Zeiten der Billig-(will sagen: primitiv)-Notensatz-Programme leider keine Selbstverständlichkeit.

Wirkliche Raritäten des Genres sind wieder bei „incognita organo“ der Harmonia Uitgave zu finden. Heft 34 (HU 3753) bietet Choralbearbeitungen von Johann Caspar Simon, stets nach dem selben Schema: Choralpräludium als Fugato, Choralharmonisierung mit den im Spätbarock offenbar weitverbreiteten einstimmigen Laufwerk-Zwischenspielen und dem „Choral im Bass variirt“. Das Heft enthält sechs Bearbeitungen aus dem EG mit Mehrfach-Verwendungsfähigkeit. Und alle sind sehr leicht zu spielen.

Acht Choralvorspiele von Gottfried August Homilius enthält Heft 27 (HU 3571), durchweg in Trioform bzw. mit c.f. auf einem Solomanual. „Schmücke dich, o liebe Seele“ steht als „Incertum“ im Anhang von Duprés Bach-Ausgabe (Bd. XII) – wenn das kein Kompliment ist! Sehr schöne, musikantische Sätze, an denen sich viel lernen lässt. Als Alternative bietet sich die Gesamtausgabe der Homilius-Choral-bearbeitungen bei Breitkpopf an (EB 8541). Sie ist natürlich viel umfang-reicher, hat Quer- statt Hochformat und den bei Breitkopf üblichen (hohen) drucktechnischen Standard.

Reizvolle kleine Partiten im „galanten“ Stil der Klassik von Karl Gottlieb Umbreit sind in Heft 33 der Harmonia-Reihe zu finden (HU 3713). Der Titel „Vier Choräle mit Veränderungen für das Pianoforte oder die Orgel“ weist den Inhalt als leicht spielbare manualiter-Literatur aus.

Drei größere Choralbearbeitungen des Merseburger Domorganisten August Gottfried Ritter (1811 – 1885) sind in Heft 22 (HU 3443) erschienen. Sie stellen etwas höhere technische Anforderungen, vor allem im Pedal. Eine ausführliche Bearbeitung über „Jesu, meine Freude“ (fast eine Choralfantasie) führt das Pedal über weite Strecken in Oktavgängen – bei einer bis zur Mixtur reichenden Pedaldisposition kann man natürlich mogeln und die Oktavierung weglassen. Aber ich hatte sportlichen Ehrgeiz und kam trotz mattglänzender Dupré-Technik ganz schön ins Schwitzen, bis ich die Passagen „drauf“ hatte – zumal ich die „Freude“ durch entsprechendes „Allegro furioso“ unterstreichen wollte.

„Orgelmusik der Klassik und Frühromantik“ heißt eine Serie bei Bärenreiter. Heft 2 (BA 6448) enthält „Choralpräludien des Dresdeners Christlieb Siegmund Binder (1723 – 1789). Die Faktur der 12 Stücke ist weitgehend identisch. In ein freies Präludium vom mäßigem Schwierigkeitsgrad und gefälliger Motivbildung ist ein Choral zeilenweise eingebettet – sinnvollerweise auf einem schwächer registrierten Nebenmanual zu spielen. So entstehen reizvolle Kontrastwirkungen. Die Stücke eignen sich auch als gottesdienstliche Festpräludien, da die Auswahl die wesentlichen Festchoräle umfasst. Nur „Ein feste Burg“ ist als – sehr locker gebaute – Fuge angelegt.

Unbedingt mehr Beachtung verdienen die Choralvorspiele von Johann Ludwig Krebs. Band III der Krebs-Gesamtausgabe von Breitkopf (EB 8415) bietet einen reichen Fundus. Die Stücke stehen stilistisch in der Bach-Tradition, liegen in der Länge zwischen denen von Bachs „Orgelbüchlein“ und den „Leipziger Chorälen“. Etwas leichter macht es der Band IV (EB 8417), „Clavierübung“ betitelt, jeweils aus (manualiter-)„Präambulum“, „Choral“(-Bicinium) und einem „Choral alio modo“ mit Generalbassbezifferung bestehend. Beide Bände sind als Vorübungen und/oder „Beikost“ zu Bachs Choralwerk allerwärmstens (sozusagen „heiß“) zu empfehlen.

„Leichte Choralvorspiele für Orgel op. 105“ von Johann Christian Heinrich Rinck, erschienen bei Carus, Verlagsnr. 18.105. Choralvorspiele von Rinck fand man bisher fast nur in den Uralt-Sammlungen, die auf vielen Orgelemporen vor sich hin modern. Und die meisten standen einen Ton oder eine Terz zu hoch. Carus hat aus Rincks opulentem Oeuvre „für einfache Verhältnisse“ einen Band mit Choralvorspielen zu 155 Melodien des EG und des GL zusammengestellt, natürlich in die jeweiligen Tonarten transponiert und mit einer ökumenischen Titel- und Nummernkonkordanz versehen. Die Stückchen umfassen jeweils eine Druckseite, selten ist der Choral mehr als einmal vollständig zitiert. Formal gibt es Fughetten über eine Verszeile, c.f.-Durchführungen in wechselnden Lagen oder eher freithematisch-harmonische Introduktionen. Allen gemeinsam ist ein minimaler bis mittlerer Schwierigkeitsgrad. Und in Rincks handwerklich gediegene „Massenproduktion“ hat sich an etlichen Stellen erfreuliche Originalität eingeschlichen. Wäre ich noch Mitglied einer Prüfungskommission, würde ich aus diesem Band in der C-Prüfung vom Blatt spielen lassen. Denn wer einen vierstimmigen Choralsatz prima vista spielen kann, der schafft das auch. Zur weiter oben besprochenen Rinck-Sammlung von Strube gibt es nur zwei Doubletten. Einziger (dicker) Wermutstropfen: Der Band kostet 59 Euro und ein paar Cent. Das ist ganz schön happig! Und ich finde, für soviel Geld hätte Carus einen stabileren, festen Einband spendieren können. Denn den braucht dieses „Orgelbüchlein der Frühromantik“, da es sich schnell zum vielgenutzten Handwerkszeug entwickeln wird. Deshalb empfehle ich Euch/Ihnen, mal mit der Kirchengemeinde - unter Verweis auf die hohe Praxistauglichkeit - zu verhandeln, ob sie den Notenkauf sponsort.

Schon seit einiger Zeit stand der seit Jahren vergriffene Band „Schwäbische Orgelromantik“, hg. von Karl Gerok, erschienen bei J.B. Metzler, Stuttgart, ganz oben auf meinem Wunschzettel. Unsere Biliothekarin gab mir den Tip, es mal im „Zentralen Verzeichnis antiquarischer Bücher“ zu versuchen. Und in der Tat: unter www.zvab.de mit Suchwort „Schwäbische Orgelromantik“ tauchten gleich mehrere Exemplare in diversen Notenantiquariaten auf. Der Band, den ich dann gekauft habe, war in tadellosem Zustand, quasi neuwertig, und hat mich 11 (!) Euro gekostet. Dafür habe ich 75 Choralvorspiele auf 107 Seiten gekriegt! Und jede Seite lohnt sich. Zwar finden sich ein paar Doubletten zu den neuen Sammlungen zum EG bei Breitkopf und Bärenreiter. Aber das meiste ist nicht mehr greifbar - so zum Beispiel etliche mit viel Klangsinn gearbeitete Vorspiele von Karl Hasse. Auch der Herausgeber, ehemals Stuttgarter Stiftsorganist, hat ein paar gediegene Stimmungsbilder hinzugefügt. Absolutes Rarissimum: Kompositionen des berühmten Pianisten Wilhelm Kempf, der ja aus einer Pfarrers- und Organistenfamilie stammte. Der Band ist der tönende Beweis dafür, daß sich romantisches Klangempfinden und gekonnter polyphoner Satz nicht ausschließen. Wer schnell ist, erwischt vielleicht noch ein Exemplar!

Am Sonntag der Bundestagswahl habe ich mir einen besonderen Spaß gemacht: Ich habe im Gottesdienst Musik von (Hermann) Schroeder und (Gustav Adolph) Merkel gespielt. Von letzterem besitze ich - neben einigen Sonaten in der Traditionslinie Mendelssohns - einen Band mit Choralvorspielen aus dem Carus-Verlag (CV 18.103). Er enthält 56 Vorspiele zu Liedern des EG und des GL. Die Stücke umfassen meistens eine Druckseite, sind überwiegend polyphon oder imitatorisch gearbeitet, gehen harmonisch nicht über Mendelssohn hinaus und klingen gerade aud frühromantischen Orgeln mit vollen, sonoren Prinzipalen und runden Flöten ausgezeichnet. Merkel war Hoforganist in Dresden genoß zu Lebzeiten hohes Ansehen. Wie immer bei Carus ist der Preis für den Band saftig, wie immer sind Notenbild und Druckqualität exzellent - Carus und Breitkopf haben m.E. derzeit die besten Druckbilder.

Weniger streng in der Form, dafür etwas lautmalerischer und harmonisch ausladender sind die - nicht längeren und nicht schwierigeren - Choralbearbeitungen von Carl Piutti, ab 1880 Thomasorganist zu Leipzig. „Ausgewählte Choralvorspiele“ hat Hermann J. Busch bei Forberg herausgegeben. Die Auswahl - in den EKG-Tonarten - umfaßt 19 Stücke aus einer Sammlung von 200 Arbeiten. Wenn die Stücke für Piuttis Stil repräsentativ sind, dann würde ich gern auch die 181 restlichen kennenlernen. Denn da findet sich sehr viel Originelles rund um den c.f. - immer geeignet, eine Gemeinde nicht nur in die Melodik, sondern auch in die Stimmung des Chorals einzuführen. Auf irgendeiner sächsischen Orgelempore muß doch eine Originalausgabe zwei Weltkriege, die glorreichen „1000 Jahre“ und den ruhmreichen Sozialismus überdauert haben ... Dafür würde ich schon eine erkleckliche Spende für die Orgelrenovierung springen lassen. In irgendeiner anderen Sammlung - ich glaube, bei Breitkopf - gibt es ein Piutti-Choralvorspiel über „Wie schön leuchtet der Morgenstern“ in wuchtigstem Akkordsatz und majestätischem Fortissimo. (Ich finde den Band gerade nicht. Er muß in der Kirche liegen.) Damit pflege ich gelegentlich Vorführungen meiner Expander-bewehrten Hausorgel abzuschließen. Das fegt noch an den Nachbarhäusern die Spinnweben von den Dachsparren!

Eine meiner diesjährigen Urlaubs-Entdeckungen sind die Choralvorspiele von Otto Heinermann (1887-1977). Ich hörte im Gottesdienst eine Einleitungsmusik über „Auf, auf, mein Herz, mit Freuden“ im Stil einer Bachschen Kantaten-Ouvertüre und dachte: „Da oben sitzt entweder ein toller Improvisator oder jemand, der Literatur besitzt, die ich nicht kenne.“ Um ersteres zu klären und letzteres schleunigst zu ändern, habe ich den Kollegen post sacramentum heimgesucht und siehe: Er hatte einen Band „Orgelmusik der Spätromantik - Choralvorspiele von Otto Heinermann“, hg. von Hans Martin Balz bei Strube als VS 3034. 14 Tage später hatte ich den Band auch. Er enthält 23 z.T. längere und nicht immer leichte Arbeiten. Heinermann, der in Dortmund wirkte, saß - wie Karg-Elert - absolut sicher in allen stilistischen Sätteln. Romantische Meditationen, barocke Prunkmusiken, (damals) kühne Modernismen - das gesamte formale und harmonische Handwerkszeug aus vier Stilepochen stand ihm zu Gebote.

33 kleinere und leichtere Bearbeitungen von Heinermann hat Balz bei Merseburger als EM 1897 veröffentlicht. Heinermann hat in diesen Spätwerken zu einer etwas homogeneren Klangsprache gefunden und betont eher die Linien als die Harmonien. Daduch ergeben sich Reibungen, die aber nie als Härten empfunden werden. Das Notenbild ist etwas steil und hakelig (der Setzer hatte offenbar Probleme mit dem Teil des Satzprogramms, das für die optimalen Längen-proportionen der Notenhälse zuständig ist).

Johann Christian Kittel, Bach-Schüler und Übermittler der Bach-Tradition von der Klassik an die Romantik - hat zu Lebzeiten eine Sammlung mit „155 Chorälen nebst Vorspielen“ veröffentlicht. Darunter befanden sich - dem damaligen „empfindsamen“ Zeitgeschmack geschuldet - zahlreiche Einleitungen ohne Bezug zum c.f. Diese Stücke sollten lediglich in Tonart und „Stimmung“ des Chorals einführen - eine Praxis, die der Kittel-Schüler Rinck und sein Schülerkreis bis in die Mitte des 19. Jh. pflegen.                                                                                                 
Wolfgang Stockmeier hat 50 Kittel-Vorspiele mit erkennbaren thematischen Bezügen ausgewählt und sie in zwei Bänden „50 Choralvorspiele“ in der Möseler-Reihe „Orgelmsuik aus Klassik und Romantik“ herausgegeben (M 19.219 und M 19.220). In Stockmeiers Auswahl geht es durchaus noch barock-plyphon, aber auch zunehmend klassisch-tonmalerisch zu. Wenn z.B. bei „Christ fuhr gen Himmel“ der c.f. mit aufsteigenden Skalen - erst in Achteln, dann in Sechzehnteln - kontrapunktiert wird, dann ist dieser Effekt zwar nicht neu (Bach machte es genauso), aber vordergründiger und auffälliger als in der barocken Affektenlehre. Da die Sammlung dem Alphabet folgt, empfiehlt sich der gleichzeitige Kauf beider Bände, um das EG flächendeckend zu erfassen. Das meiste ist leicht zu machen, bisweilen wird der Schwierigkeitsgrad von Bachs „Orgelbüchlein“ erreicht, in ganz wenigen Fällen wird er überschritten. 
                                                                                                                                           

                                                                                                                               

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