Journal für Orgel, Musica Sacra und Kirche

                   ISSN 2509-7601

 

  

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Freie Orgelwerke einzelner Komponisten:

Auch in dieser Abteilung beschäftige ich mich eher mit Raritäten und Alternativen zum üblichen Repertoire. Ich setze voraus, dass jeder, der sich intensiver mit dem Orgelspiel befasst, seine Bach-Bände von Peters, Bärenreiter oder Breitkopf daheim hat. (Ich selber spiele Bach bis heute aus der Dupré-Ausgabe von Editions Borneman, Paris, halte mich allerdings nicht mehr an alle Fingersätze, dafür umso mehr an die Fußsätze – einmal Dupré-Pedaltechnik – immer Dupré-Pedaltechnik!) Die schönen Breitkopf-Gesamtausgaben von Buxtehude, Lübeck, Walther, Böhm, Bruhns, Krebs, gehören komplett oder in Auszügen m.E. ebenso in jede Organistenbibliothek wie die Pachelbel-Bände von Bärenreiter. Idealerweise beschafft und bezahlt sie aber die Kirchengemeinde.

Eine Alternative zur gängigen Präludien-Literatur im C-Kursus sind „14 leichte Praeludien und Fugen“ von Johann Caspar Simon, erschienen bei Schott (ED 3877). Das Strickmuster aller Werkchen – nach Tonarten geordnet - ist identisch: Knappes Präludium mit Wechsel von Laufwerk und Akkordschlägen, locker gebaute dreistimmige Fuge, die in eine austoccatierte Kadenz mündet. Pedalgebrauch nicht obligat, aber empfehlenswert. Solides, barockes Organistenhandwerk, wohl „aus den Fingern gelaufene“ Improvisationen des Nördlinger Kantors, brillant gespielt kleine Kabinettstücke (B-Dur!).

Die Alternative dazu: „25 Orgelvorspiele zum Gottesdienst in den gebräuchlichen Tonarten“ von Paul Horn, erschienen bei Strube (Edition 3057). Horn hat Simons Präludien genommen und in den Fugen die nicht immer konsequente Stimmführung „verbessert“. Über die Legitimität solchen Treibens ließe sich trefflich streiten, hauen und stechen. Die Werke werden dadurch nicht „besser“ sondern „richtiger“. Aber auch nicht schlechter. Wer Horns Bearbeitung verwendet, sollte vom Original die Finger lassen – und umgekehrt. Es sei denn, er will sich aus Interesse an der edlen Satzkunst über die Abweichungen von Original und „Fälschung“ informieren. Was die Sammlung m.E. kaufens- und spielenswert macht, sind Horns eigene Arbeiten. Gediegene, jeweils eine Doppelseite umfassende barockisierende Stilkopien, die durchaus Individualität haben. Sehr gelungen in Themenbildung und Ausführung sind die drei Fugen in g-moll, a-moll und G-Dur (letztere eine spritzige kleine Gigue, BWV 577 läßt grüßen!), auch die a-moll-Ciaconna ist ideenreich gemacht.

Wer unter Blut, Schweiß und Tränen seine ersten Choralsätze mit akzeptabler Trefferquote spielen kann, wer der (Organisten-)Not gehorchend und dem Drängen des Pfarrers nachgebend, Orgeldienst macht, obwohl er lieber noch etwas „Schonzeit“ hätte, der sucht bisweilen händeringend nach Vor- und Nachspiel-Literatur. Idealerweise ist sie nicht schwieriger als Bachs kleine Klavierpräludien, dabei musikalisch anspruchsvoller als der abgegriffene Band mit „Präludien und Kadenzen in allen Tonarten“ der wohl auf jeder Landorgelempore vor sich hin modert. Hier mein absoluter Geheimtip: Friedrich Schmoll: „Sechs leichte Orgelstücke“, erschienen bei Möseler als Heft 6 der Reihe „Orgelmusik aus Klassik und Romantik“, hg. von Wolfgang Stockmeier (M 19.026). Die Stücke sind bei aller Schlichtheit gefällig in der Melodiebildung, sauber im Satz, ideenreich in der Erfindung und eben schon „richtige“ Orgelmusik. Wenn ich meinen Schülern das Heft in die Hand gab, haben sie immer nach mehr gelechzt. Schmoll war Mozart-Zeitgenosse. Er amtierte an einer großen Stumm-Orgel in Kirchheimbolanden, die allerdings mehrfach erfolgreich „kaputtrestauriert“ wurde.

Wenn wir schon bei Stockmeiers editorisch gelungener Möseler-Reihe sind: Band 12 (M 19.032) enthält ein Stück, das mir mein erster Orgellehrer verboten hatte. Seither liebe ich es: „Fanfare, Cantabile und Finale“ von Nicolas Jacques Lemmens. Zwei Generationen von Hochzeitspaaren habe ich das (oder Th. Dubois’ G-Dur-Toccata) als Alternative zu den einschlägigen „Schmachtfetzen“ von Mendelssohn, Wagner und Händel aufgeschwatzt. Und meistens genügten ein paar Takte der „Fanfare“, um sie zu überzeugen. „Fanfare“ zum Einzug, „Cantabile“ während der Tränen der Brautmutter, „Finale“ zum Finale. Kommt immer gut, braucht aber eine entsprechende Orgel, am besten dreimanualig. Die Doppel-Echos sind für drei Manuale gedacht. Auf zwei Manualen muss für jeweils zwei pp-Takte ab- und zuregistriert werden, sonst fällt auf, dass Lemmens an dieser Stelle nix eingefallen ist! Sehr von Vorteil ist eine opulente Zungenbesetzung. Im Hw. ist der linguale 4’ wichtiger als der 16’, im Sw gibt ein Fagott oder Bombarde16’ in den Manualiter-Passagen satten Fond. Die Dreiklangsbrechungen in der Fanfare brauchen schon Feuer und im Cantabile sollte man „vorzeichenfest“ sein. Das Finale bläst den Dreck aus den kleinsten Pfeifchen, deshalb vorher sorgfältig prüfen, ob der Diskant von Mixturen und Zungen halbwegs stimmt.

Johann Christoph Schmügel war in der Generation nach Bach Organist an St. Johannis in Lüneburg. Ihm ist Heft 13 der Möseler-Reihe gewidmet (M 19.033). Schmügel schreibt einen sehr durchsichtigen Orgelsatz und bevorzugt die weite Lage. Etliche Stücke lassen sich ausgezeichnet in kammermusikalischer Registrierung als Trio spielen, vertragen aber auch Einmanualigkeit (keine Stimmkreuzungen) und ein gravitätisches Plenum. Der Schwierigkeitsgrad ist eher moderat.

Und noch das Heft 7 von Möseler (M 19.027): Johann Christian Kittel: „Sechzehn Präludien“ - ebenfalls eine Alternative zu Bachs „acht kleinen“, aber ohne Fugen. Dafür enthalten etliche ein paar 32tel-Passagen, deren sorgfältiges Beackern weiterbringt. Auch für das Spiel in entlegeneren Tonarten findet sich Studienmaterial. Mir gefallen nicht alle Präludien, einige wirken etwas manieriert, aber XV in G-Dur und IX in E-Dur finde ich z.B. sehr originell. Und das einleitende C-Dur-Präludium ist hörbar inspiriert (um nicht zu sagen „abgekupfert“) von BWV 545 – allerdings ohne die donnernden Pedalpassagen. Vielleicht hatte Kittel gerade den Fuß verstaucht ...

Hier zwei meiner abgegriffensten Hefte: „Preambuli e Fughe per Organo“ von Johann Baptist Peyer, (1678 – 1733, Bach-Zeitgenosse) Teil I und II, Bde. XIII undd XIV der Reihe „Süddeutsche Orgelmeister des Barock“ hg. von Rudolf Walter bei Coppenrath, Altötting. Peyer war Hoforganist in Wien. Die beiden Hefte umfassen Fugen-Zyklen, deren Ordnung noch den Kirchentonarten folgt. Allerdings stehen sie sämtlich in Dur-moll-Tonalität. Jeder Folge von mehreren, thematisch verwandten Fugen ist eine „Präambel“ vorangestellt, eigentlich nur eine erweiterte Kadenz mit etwas Laufwerk. Das Pedal beschränkt sich – auch in den Fugen – im wesentlichen auf Orgelpunkte und die Kadenztöne. Die Fugen sind durchweg dreistimmig, handwerklich sehr solide gebaut, die Themen und Motive haben durchaus Originalität. Der Satz liegt gut in den Händen und klingt auf allem, was Tasten hat. Die Länge geht selten über eine Doppelseite hinaus. Der Clou an dieser Sammlung: Braucht man „mehr“ Musik, spielt man einfach die nächste Fuge. Sie ist meistens mit der Vorgängerin verwandt, lediglich Takt und Tempo können variieren. Ich habe in thematischen Konzerten mit süddt. Barockmusik gern einen kompletten Peyer-Zyklus gespielt und dabei immer etwas „Registerzauberei“ vorexerziert.

Wer seine Leidenschaft für das Triospiel entdeckt hat, aber technisch noch weit entfernt ist von Bachs Triosonaten, wird in der Reihe „Incognita Organo“, hg. von Ewald Kooiman, bei Harmonia Uitgave fündig. (In Deutschland wir das Harmonia-Sortiment u.a. vom Verlag Butz vertrieben, aber auch von jeder Musikalienhandlung besorgt.) Heft 8 der Reihe (HU 3181) enthält 11 doppelseitige Trios von Georg Andreas Sorge, die allesamt ausgesprochen hübsch klingen. Ihr Studium macht trittsicher in Pedaloktaven und Dreiklangsfiguren. Wenn das Pedal figuriert, haben die Manuale Haltetöne und umgekehrt. Aus den Einzelsätzen lassen sich komplette „Triosonaten“ zusammenstellen, wenn man zwischen zwei Allegro-Sätze in identischer Dur–Tonart ein Adagio in der moll-Parallele setzt. Ich habe mindestens ein halbe Dutzend möglicher Kombinationen ausgeknobelt und verwende sie sehr gern als Abendmahlsmusiken von flexibler Länge. Die geeignete Orgel hat Barockdisposition, mind. 2 Manuale, brauchbare, gut verschmelzende Aliquoten und eine schöne Solozunge für die linke Hand (Krummhorn, Dulcian, Schalmey, Oboe). Wichtig ist ein eigenständiges Pedal mit nicht zu mulmigem Subbaß, flötigem 8’ und vor allem 4’. Auf einer Einmanualigen gehen die Sachen auch, da in den Manualpartien keine Stimmkreuzungen vorkommen. Aber es geht halt der Farbwert des Triospiels verloren.

G.A. Sorge, Angehöriger der Nach-Bach-Generation, hat übrigens drei spielfreudige, dreisätzige Sonaten geschrieben, die Gerhard Weinberger bei Merseburger (EM 1804) herausgegeben hat („drei Sonaten für Taseninstrumente“). Bei diesen Werken handelt es sich um reine manualiter-Literatur, natürlich ist Pedalgebrauch nicht verboten. Das Strickmuster ist identisch: spritziger Allegrosatz pro Organo Pleno, anmutige Aria für Flöte 8’ mit Tremulant oder Duo mit Solomischung, zum Schluß eine locker gebaute, dreistimmige Fuge. Etwas Fingerfertigkeit sollte man haben, denn die Stücke leben in den Ecksätzen von einem leichtflüssigen, eleganten Allegro. Richtige technische Schwierigkeiten enthalten sie nicht.

Etwas länger und technisch anspruchsvoller als die Sorge-Trios sind „Zwölf Trios für die Orgel“ von Johann Ernst Rembt (1749-1810), erschienen bei Coppenrath. Die melodische Erfindung ist schon deutlich „frühklassisch“, wer sich daran wagt, sollte „im obligaten Pedalgebrauche habilitieret“ sein, oder die Stücke zur „Habilitierung“ nutzen. Zwei Manuale sind unbedingte Voraussetzung, da Rembt auch mit Stimmkreuzungen arbeitet.

Drei Trios des Bach-Schülers Johann Ludwig Krebs, erschienden als „Incognita Organo“Heft 20 (HU 3402) bei Harmonia Uitgave, sind nicht leichter als Bachs Triosonaten-Sätze, nur kürzer. Vor allem im Pedalpart merkt man, was Bach seinen Schülern so beibrachte. Auch diese Trios setzen unbedingt Zweimanualigkeit voraus – wer so was ordentlich zur Aufnahmeprüfung an der Hochschule spielen würde, hätte wohl kaum Probleme.

Hier die „süddeutsche“ Alternative zu Buxtehude Lübeck und Pachelbel: 10 Toccaten von Johannes Speth, erschienen als „Liber Organi“, Heft IX, in der Edition Schott (4537). Speth war in der Generation vor Bach Domorganist in Augsburg. Die Toccaten erfordern – bedingt durch den Instrumententypus – wenig Pedal, sind im Manualpart effektvoll gemacht und in der Regel mehrteilig, mit Laufwerk und Akkordschlägen in den Rahmenteilen, Binnenfugen und Grave-Überleitungen. Geeignete und klangprächtige vom-Blatt-Literatur auf Barock- oder Neobarock-Instrumenten. Ich habe die Stücke viel im C-Kurs spielen lassen.

Aus ausführlicherem Präludium, mehreren kappen Versetten und einem „Cadentia“ betitelten Schluß-Allegro bestehen die Stücke der Sammlung „Certamen Aonium“ des Benediktiner-Organisten P. Carlmann Kolb (1703 – 1765). Stilistisch typisch „süddeutsch“, für Orgeln mit singenden Prinzipalen geschrieben. Wenig und keineswegs obliagtes Pedal, aber Kolb muß über eine gute Manualtechnik verfügt haben. An den Präludien muß man etwas arbeiten. Sie belohnen aber mit prächtigem Plenoklang. Klangliche Eleganz und eine freudig-spielerische Grundhaltung sind allen Stücken gemein. Auf meinen „Raritäten“-Programmen und bei Orgelweihen in Süddeutschland stand meistens ein Kolb.

Vor 25 Jahren war der Name ebenfalls noch ein Geheimtip: Aléxandre-Pierre-Francois Boely (1785 – 1858). Nach Dandrieu und vor Franck – ein ungünstiger Platz in der franz. Orgelmusikhistorie. Harmonia hat ihm zwei „Incognita-Organo“-Hefte gewidmet: Heft 6 (HU 3087) enthält Orgelmusik, die durch die Wahl der Themen eindeutig dem österlichen Festkreis zuzurechnen ist. Sie ist recht leicht zu spielen, hat noch barocken Duktus und lässt in der Harmonik bereits die Romantik erahnen. Noch dankenswerter und eine hervorragende Alternative zur üblichen „Pastorale“-Literatur an den Weihnachtstagen ist Heft 16 (HU eine 3315), eine „Messe du jour de Noel“ enthaltend. Richtig schöne franz- Weihnachtsmusik mit Ohrwurm-Melodien, dafür noch weit entfernt von den pianistischen Anforderungen vieler entsprechender Kompositionen der Romantik. Allerdings sollte die Orgel hörbar „französeln“ – und zwar eher barock als romantisch. Nasard 2 2/3, Cromorne und Hautbois 8’ eine solofähige Trompette 8’ und ein weitmensuriertes Cornet müssen schon sein, damit es klingt. Im Plenum ist eine 4’-Trompete von unschätzbarem Wert.

Seit die französische Romantik den deutschen Orgelbau der Gegenwart dominiert, ist die barock-französische Literatur zugunsten der Sinfonik in den Hintergrund getreten. Dabei ist diese Musik äußerst spielenswert - zumals sie im Gegensatz zu den Orgelsonfonien der frz. Romantiker - ja für liturgische Zwecke geschrieben wurde. Der geeignete Orgeltypus war in den 80er Jahren des 20. Jh. bei deutschen Neubauten gar nicht so selten. Man braucht für alle barocken Franzosen eine Orgel mit rund und sonor klingenden Zungen: Trompete 8' im Hw, am besten noch ein 4'-Clairon, dazu ein weit mesuriertes Cornet für grand-jeu-Mischungen, im Ow ein Krummhorn, das für die klassische "basse-de cromorne"-Mischung gerade im Baßbereich sehr nobel klingen und prompt ansprechen muß. Die meisten Krummhörner dt. Bauart sind dafür zu eng gebaut und klingen zu mager und plärrig. Mein Trick in diesem Fall: Ich ziehe eine Oktave 4' dazu. Das setzt allerdings peinlich genaue Stimmung voraus! Übrigens gibt eine 4'-Oktave auch einer spröden Solotrompete im Diskant etwas mehr Körper. Ein rundes Solokornett im Ow. ist sehr von Vorteil, am besten zerlegt, damit ein Nazard 2 2/3’ für die diversen „Recits“ und eine einzeln registrierbare Terz für die „Tierce en taille“-Mischungen des Genres zur Verfügung steht. Unter diesen Rahmenbedingungen klingen die Stücke aus folgenden Opera äußerst farbig und freudig.

Die beiden Messen von Francois Couperin (Messe à l’usage des Paroisses“ und „Messe à l’usage des couvents“) bieten eine Fülle relativ leicht spielbarer und gut klingender gottesdienstlicher Stücke. Die Registriervorschriften des Komponisten sind bindend. Eine „basse de cromorne“ als „Notlösung“ mit einer Sesquialter-Mischung zu spielen, nimmt dem Stück das Kolorit. Dann wirklich lieber zu einem anderen Stück greifen! Wer sich an Couperin & Kollegen macht, sollte zuvor auch die im Vorwort meistens dazugestellten Trillertabellen studieren und trocken üben. Ich verwende die Couperin-Uralt-Ausgabe, herausgegeben von Aléxandre Guilmant, erschienen bei Schott als ED 1878. Der dicke Band heißt schlicht „Pièces d’orgue“ und enthält beide Messen. Pracht- und Prunkstück der Sammlung ist das „Offertoire sur les grands jeux aus dem „Paroisses“-Zyklus. Das war lange Zeit eines meiner Standard-Orgelweih-Stücke auf entsprechend französelnden Instrumenten. (Ich kenne ein paar Orgeln von Georg Jann oder Winfried Albiez, auf denen es einfach traumhaft klingt.) Es ist ein richtig großes, dreiteiliges Konzertstück, das ausgefeilte Registrierung und am besten drei Manuale braucht. Üben muß man es auch. Denn gerade der Schlußteil lebt von Brillanz im Tempo und Subtilität in den Ornamenten. Aber es gab Leute, die damit die königlich-bayerisch-lutherische C-Prüfung überstanden haben, obwohl ich in der Prüfungskommission saß. Guilmants Notetentext hält auch nach knapp 130 Jahren einer kritischen Überprüfung stand. Nur seine Registriervorschläge für die „moderne“ Orgel sollte man tunlichst meiden. Daraus spricht Zeitgeist pur.

Guilmant hat sich sehr verdient gemacht um die Neuedition franz. Barockmeister. Deshalb kann ich aus der gleichen Reihe („Guilmant Archives“) das "Premier livre de pièces d'orgue" von Jean Francois Dandrieu, Ed. Schott ED 1880, uneingeschränkt empfehlen. Vor allem die Offertoires sind richtig mächtig klingende Orgelmusik, die nicht viel Mühe macht. Die Stücke sind in Zyklen entsprechend der alten Kirchentonarten zusammengefaßt, allesamt nicht übermäßig lang und schwierig, und münden jeweils in ein etwas ausladenderes Offertoire. Besonders hübsch sind die „Basse-“ oder „dessus-de-Trompette“-Piècen mit ihren eingängigen Repetitionsmotiven. Sowas setze ich gelegentlich als Epistelmusik ein. Ich habe aber auch eine ungewöhnlich schöne, brillante ( und immer sauber gestimmte) Hw-Trompete für derlei in meiner Dienstorgel.

Und natürlich das "Livre d'orgue" von Louis Nicolas Clérambault mit seinen beiden Suiten - Schott, ED 1874. Die "deuxième Suite" gehört zu den Orgelwerken, die ich am meisten liebe: farbig im Klang, abwechlungsreich in der Form, vollendet und abgerundet als Zyklus. Man kann mir ihr faszinierenden Registerzauber entfalten. Wenn ich irgendwo konzertiere und die Orgel nicht gerade aus 1890 stammt, nehme ich die zweite Clérambault-Suite sehr gern ins Programm. Es gibt kaum ein Stück, in dem man in rund 15 Minuten so viele Facetten organistischer Ausdrucksmöglichkeiten an den Hörer bringen kann.

Etliches von Dandrieu und Stil- und Zeitgenossen - vor allem Corrette - steht in den beiden ersten Bänden des an anderer Stelle besprochenen Sammelwerkes „Orgelmusik im Gottesdienst“ von Hinrichsen/Peters - was für den praktischen Nutzen dieser ausgezeichneten Sammlung spricht. Ich hoffe ja, daß diese Musik noch zu meinen Lebzeiten eine Renaissance der Wertschätzung erfährt. Irgendwann wird die Romantik-Welle (die mein Repertoire und meinen Horizont unbestrittenermaßen sehr erweitert hat) ja wohl mal abebben. Vielleicht baut man dann auch wieder etwas brillantere neue Orgeln, ohne ihnen die Fülle zu nehmen. Das wäre nämlich zufällig genau mein Klangideal.

Wer vom Klavier aus der Sonatinenstufe an die Orgel gewechselt und noch etwas zu viel Respekt vor den Pedaltasten hat, wird bei der Suche nach geeigneter Literatur im englischen Barock fündig – die Orgellandschaft der Insel erlebte erst im frühen 19. Jh. die flächendeckende Einführung des Pedals.                                      
Dankbare manualiter-Musik bieten die „10 Voluntaires“ von Henry Heron (18. Jh.), erschienen als Heft 29 der Harmonia-Reihe „Incognita Organo“ (HU 3585). Kraftvolle Adagio-Einleitungen, spritzige zweistimmige Allegros, dreistimmige Pleno-Fugen, das ganze technisch gut machbar. Eine zweimanualige Orgel ist von Vorteil, aber nicht Bedingung.

Eine Fundgrube in diesem Literatur-Genre sind die 30 Voluntaries von John Stanley (1713 – 1786), als opp. 5, 6 und 7 in drei Heften zu jeweils 10 Stücken bei Hinrichsen (Peters) als 1033, 1034 und 1035 erschienen. Reine manualiter-Literatur von mäßigem Schwierigkeitsgrad und fantasievoller Motivbildung. Die Werke sind durchweg dreisätzig und stehen stets in gängigen Tonarten. Eine solide Klavier-Grundtechnik sollte da sein, vor allem flüssiges Tonleiternspiel über mindestens 2 Oktaven ist in den Allegrosätzen handwerkliche Voraussetzung. Die Orgel sollte über eine schöne Sesquialtera und eine solofähige Trompete verfügen. Denn gerade die „Trumpet Voluntaries“ zählen zu den effektvollsten.

Felix Mendelssohn Bartholdy hat den Engländern dann gezeigt, daß ein Pedal an der Orgel ganz praktisch ist. Und sie haben sofort angefangen, die besten sinfonischen Orgeln der Welt zu bauen und dafür hinreißend schöne Musiz zu komponierne. Das finde ich jedenfalls.

Zum Beispiel: Herbert Brewer, „Marche héroique“, trotz des franz. Titels in der Tradition von Elgars „Pomp-and-Circumstance-Marches“; markiges Haupt- und hymnisches Seitenthema mit triumphaler Schluß-Apotheose, technisch nicht allzu schwer, aber die Legati der Oktaverdoppelungen wollen geübt sein.
Das Stück steckt in einem Sammelband mit Werken von H.B., erschienen bei Butz, St Augustin, Verl. Nr. BU 1680, Bestandteil einer kompletten Reihe „Orgelmusik aus England und Amerika“. Auch die restlichen (leichteren) neun Stücke aus Brewers Feder sind der Mühe wert.

In der gleichen Reihe (BU 1701) ist eine Sammlung mit Opera von Henry Smart erschienen, darin ein – ebenfalls typisch viktorianischer – „Grand Solemn March“, der zwar etwas Arbeit macht, dafür aber sehr wirkungsvoll ist. Als Gegenstück dazu gibt es eine „vom-Blatt“-Marcia, für einen Großraum mit ebensolchem Instrument oder für die „Wohnzimmer-Domorgel“. Dazu noch ein spritziges „Minuet“ und ein paar kleinere Nettigkeiten.

Henry Smart (1813-1879) war ja Autodidakt und galt trotzdestonichts als hochrangiger Virtuose der viktorianischen Ära. Aber er hat sich offenbar stets an seine eigenen Anfänge erinnert und Musik für normale „parish organists“ geschrieben. „12 leichte und kurze Stücke in verschiedenen Stilen“ sind im Heft BU 1732 aus dem Verlag Butz veröffentlicht. Kurz sind die Stücke nicht immer, der Schwierigkeitsgrad reicht von „ganz leicht“ bis C-Prüfungs-tauglich. Allen gemeinsam ist ein gediegenes kompositorisches Handwerk und ein ruhiger, organischer und nobler Fluß der Stimmen – very british!

Auf einer CD aus dem Dom zu Münster habe ich kürzlich den „Tuba tune“ von Norman Cocker gehört - und als regelmäßiger User einer glänzenden, vollen Hauptwerkstrompete habe ich mir gedacht, das wär’ doch was - und mich nicht getäuscht. An die Noten heranzukommen, war etwas schwierig. Die Trüffelsucher vom mmz (www.mmz.de) haben es geschafft. Der Verlag heißt Stainer & Bell, London, die ISMN lautet M 2202 0458 2. Kocker führt ein sequenzierendes Ohrwurm-Thema - mal solistisch gegen ein Plenum, mal im satten Schwellwerks-klang - in großen Sprügen durch den Quintenzirkel. Damit nicht jeder es so einfach spielen kann, stehen gut 30 Takte in Fis-Dur - und da spaziert zu allem Überfluß die l.H. über lauter Obertasten in Achtel-Oktavgängen mit demonstrativen Legato-bögen gegen das Thema im Diskant. (Hanons öde, aber heilsame Geläufigkeits-übungen fürs Pianoforte lassen grüßen.) Aber am Ende wird alles gut, laut und neunstimmig. Ein Stück von grandioser Wirkung, das etwas Arbeit macht - und das eine etwas satter grundierte Orgel braucht.

Ebenfalls beim Anhören einer CD bin ich aufmerksam geworden auf ein „Andante con moto“ des niederländischen Romantikers A. Pomper. Der Vorname war nicht herauszukriegen, nur die Lebensdaten: 1862-1917. Ein feines Solo für eine lyrische Oboe bildet den Rahmen, ein paar Entrückungen nach E-, H-,Fis-Dur im bewegerten Mittelteil sind leichter als sie zunächst aussehen. Seit ich dieses Stück „drauf“ habe, verwende ich es als süßes Zugaben-Bonbon oder bei Hochzeiten während der Tränen der Brautmutter. Das Heft, in dem es steht, heißt „Orgelkunst, Band 1“, verlegt bei Willemsen, Huizen, als Nr 801. Außerdem enthält dieser kleine und preiswerte Band noch ein leichtes und gefälliges Trio von J.G. Bastiaans, einem Mendelssohn-Zeitgenossen und -Nachahmer.

Auf derselben CD war auch eine „Suite in E“ von Michael Chr. Festing, bestehend aus Largo, Allegro, Aria und zwei Variationen über ein heiter-verspieltes Thema. Auch dieses Stück gibt’s - zusammen mit einer „Fantasy“ von Thomas Adams - bei Willemsen, Verlagsnr. 574. Beide Opera sind sauber gemachte barocke Stilkopien. Festings Suite eignet sich sehr gut für etwas Farben- und Registerzauber. Sie geht trotz „Notenfriedhof“ (jede Menge Kreuze) nicht über C-Kurs-Anforderungen hinaus und ist eine freundliche Abendmahls- oder Epistelmusik.

Wenn wir schon gerade bei den Holländern (und bei CDs) sind: Auf einer CD, die ich vor Jahren dort im Urlaub gekauft habe, fand ich Opera von Jan Zwart, darunter eine monumentale „Hymne“ über „Wilt heden nu treden“ - bei uns bekannt als „Altniederländisches Dankgebet“ oder preußisches Armeegebet im „großen Zapfensteich“. Zwart war zu Lebzeiten (wesentlich die 1. Hälfte des 20. Jh.) in den Niederlanden eine Legende und ein begnadeter Improvisator. Die „Hymne“ ist ein breit dahinströmendes, vollstimmiges und majestätisches Grave, sehr hoch geführt, mit vielen Oktavverdopplungen - auch über weite Strecken im Pedal. Das Heft heißt „Drie Oud-Hollandsche Liederen“, enthält also noch zwei weitere Bearbeitungen über holländische Choralweisen. Da sie bei uns unbekannt sind, habe ich die Stücke unter den freien Werken eingeordnet. Erschienen ist das Heft als „Boek 12“ in der „Uitgeverij en Atiquariaat ‘Jan Zwart’“ in Zaandam - offenbar ein kleiner Fachverlag, der das Erbe des Meisters pflegt.

Auf einer Demo-CD habe ich kürzlich das „Präludium C-Dur von Johann Christoph Kellner gehört und spontan beschlossen, mein „vom-Blatt“-Repertoire um dieses Stück zu erweitern. Fündig wurde ich in Ewald Kooimans bereits gewürdigter Reihe „Incognita Organo“ bei „Harmonia Uitgave“ in Hilversum. Heft 18 der Reihe enthält außer dem durchsichtigen, elegant perlenden Präludium noch eine gravitätische, affektgeladene Fantasie in g-moll, ein knappes, leichtes Trio und eine handwerklich gediegene Choralbearbeitung über „Jesus, meine Zuversicht“ in Trioform. Da merkt man, was der alte Bach seinen Schülern so beibrachte – und wie sie fröhlich die Lehren der „alten Perücke“ (so Bachs Spitzname bei seinen Söhnen) über Bord warfen, um dem hochmodernen „galanten Stil“ zu frönen. Wer auf dem Klavier die Sonatinenstufe erfolgreich durchlaufen und sich einigermaßen „im Pedalspiele habilitiret“ hat, kriegt die Stücke mit viel Spaß und wenig Mühe hin.

Ich erwähnte bereits die Werke von A.P.F. Boely. Außer den beiden „Incognita Organo“-Heften mit kürzeren liturgischen Stücken besitze ich auch drei Hefte (livre 1-3) der „Ouevres complètes“, erschienen bei Alphonse Leduc in Paris. Sie enthalten Boelys längere und anspruchsvollere Stücke, darunter die Fantaisie B-Dur/b-moll, die inzwischen als Kabinettstück frühromantischer franz. Orgelmusik gilt und auf fast jeder einschlägigen CD zu hören ist. Aber Vorsicht, was da so flüssig perlt, macht Arbeit (bis es flüssig perlt)! An die Leduc-Ausgaben ist schwer heranzukommen. Außerdem hatten die Franzosen zu DM-Zeiten die unangenehme Angewohnheit, auf die Rechnungen einfach „Mark“ statt „Francs“ zu schreiben, ohne dem aktuellen Wechselkurs auch nur ansatzweise Rechnung zu tragen. Und ich habe nicht den Eindruck, dass sich das mit der Einführung des Euro geändert hat. Meine Boely-Hefte habe ich mir irgendwann in den späten 80ern über den „Pro-Organo“-Verlag und Versand in Leutkirch besorgt. Und da kostete das Stück schlaffe 60 DM. Inzwischen gibt es auch eine neue vierbändige Gesamtausgabe bei Editions Publimuses, in Deutschland bei Butz im Sortiment. Bd. 1 (PM 32.01) enthält die „Offertoires“, Bd. 2 (PM 33.01) Werke für Advent und Weihnachten, Bd. 3 (PM 35.02) zwölf umfangreichere Kompositionen und Bd. 4 (PM 37.01) Stücke für Orgel oder Harmonium – also eher die „Salonmusik“. Die Bände haben lt. Verlagsverzeichnis um die 120 Seiten und kosten 42 Euro (pro Stück!).

Kürzere „Registerpiècen“ des frz. Barock im Stil von Couperin und Dandrieu bietet das „Troisième livre d’orgue“ von Michel Corrette, erschienen bei der Edition Bornemann, Paris – ebenfalls wohl ziemlich teuer. Da rechnen sich eher die bereits mehrfach erwähnten Bände „Orgelmusik im Gottesdienst“ (siehe unter „Sammlungen“), in denen jede Menge Corrette, Dandrieu, Marchand, Couperin u.a. drinsteht.

Eine ausgezeichnete Reihe „Orgue et liturgie“ gab es bei „Editions musicales de la Schola Cantorum“ in Paris. Als Gymnasiast auf Klassenfahrt bin ich da in den wilden 60er Jahren mal eingefallen und habe kräftig Beute gemacht. Als ich als Jungkantor meinen Raubzug wiederholen wollte, war das Etablissement in Konkurs gegangen. (Ich war nicht schuld!) Später habe ich dann herausgekriegt, dass das Sortiment von „Editions musicales Labatiaz“ im schweizerischen CH-1890 St.-Maurice übernommen wurde. Da gab es schöne Sachen, z. B. Vertonungen des Meßordinariums von Francois d’Againcour (1684-1758), oder zwei Bände mit kürzeren Stücken von Boely (Oeuvres complètes pour l’orgue, deuxième livre, 1er et 2ième fasciule). Wer so etwas antiquarisch auffindet, sollte unbedingt zuschlagen. Vielleicht findet sich ja auch ein Musikalienhändler, der Bezugsquellen ausfindig macht.

Frucht jener Klassenfahrt waren auch die beiden Bände von César Francks Harmonium-Sammlung „l’Organiste“. Ich habe sie damals bei Enoch & Cie im Lagerkeller aus einem Stapel Noten gezogen, die noch aus der Vorkriegszeit (ich meine vor dem 1. Weltkrieg) dort gelegen haben müssen. Der Verkäufer hatte mir dieses „Antiquariat“ gezeigt und mich dann mit der Bemerkung „Cherchez et prenez que vous voulez“ alleingelassen. Als ich dann (Stunden später) mit einem 30 Zentimeter hohen Notenstapel und leicht angestaubten Händen auftauchte, legte er einfach ein Metermaß an meine Beute und schlug mir vor, pro Zentimeter einen Franc zu zahlen. Der war damals so etwa 85 Pfennig wert. Auf dieses Geschäft bin ich heute noch stolz! Und der Franck ist seither einer meiner sorgsam gehüteten Schätze. Band 1 mit kleinen Zyklen in den Tonarten von C bis F ist m.W. derzeit nirgends zu bekommen. Bd. 2 ist bei Butz unter dem Titel „l’Organiste II“ (BU 1560) neu aufgelegt. Und er ist der gehaltvollere von beiden. Da sind zwei äußerst effektvolle „Sorties“ über frz. Weihnachtslieder in C und D drin, die auch von Kollegen zu bewältigen sind, die von den „Six pièces“ oder den „Trois Chorals“ noch weit entfernt sind. Eine „pièce symphonique“ macht ebenso wenig Mühe und ist trotzdem „richtiger“ Franck, ebenso ein gutes Dutzend kleinerer Sachen, die auf einer grundstimmenreichen Orgel gut klingen.

Das Sortiment von Butz ist inzwischen eine Fundgrube für leichtere romantische Orgelliteratur. So z.B. die „Sieben Stücke für Orgel“ von Théodore Dubois (BU 1672). Besonders hübsch die „Marcietta“ und der „Rausschmeißer“ „Marche-Sortie. Für kontemplativere Gemüter gibt es u.a. eine innige „Prière“, die technisch keine Probleme bereitet, aber sorgfältiges Auskundschaften des Vorzeichen-Fallen im Notentext erfordert.

Zwei Kantoren-Kollegen aus dem Frankenland haben sich beispielhaft ihrer nebenamtlichen Organisten angenommen:                                                                                                                      Ekkehard Nickel hat seine Arbeiten, die überwiegend aus der Unterrichtspraxis erwachsen sind, unter dem Titel „Schwabacher Orgelbuch“ bei Strube veröffentlicht (Strube Edition 3138). „Schön und leicht“ war die Vorgabe – und beides hat der Komponist geschafft. Und es steckt sogar ein richtiges „Konzertstück“ drin, das ich oft im D-Kurs habe spielen lassen: Toccata, Aria und Fuga parva a-moll“. Insgesamt 21 Stücke von höchster Praxistauglichkeit für sog. „kleine Verhältnisse“ – handwerklich sehr solide, wohlklingende Musik, die auch dem Organisten wirkliche Erfolgserlebnisse verschafft, der niemals etwas aus Bachs „Orgelbüchlein“ spielen wird.

Noch etwas leichter – ohne zu simplifizieren – macht es der Windsbacher Kantor Emanuel Vogt in seinen beiden Heften mit dem bieder-abschreckenden Titel „Orgelbuch für Landorganisten“, erschienen im Verlag G. Schulist im fränkischen Heilsbronn. Der Inhalt hingegen ist ausgesprochen anziehend: Bd 1 enthält 18, Bd. 2 14 Stücke in verschiedenen Tonarten, ausdrücklich „für Unterricht und gottesdienstlichen Gebrauch“ bestimmt. Das Notenbild ist besonders groß und augenfreundlich gestaltet. Und bei den Stücken, die über mehr als zwei Seiten gehen, kann man die weiteren Seiten herausklappen, so dass keine Wendestellen entstehen – eine genial einfache und nachahmenswerte Lösung! (Wem sind nicht schon mal irgendwelche Kopien zum ungünstigsten Zeitpunkt vom Notenpult auf die Manuale gerauscht?) Falls die Bände von Schulist nicht mehr zu bekommen sind: Vogt hat inzwischen ein einbändiges „best of“ –aber immer noch mit demselben biederen Titel - bei Strube herausgebracht. Ich besitze es allerdings nicht.

Wer sich etwas in die gemäßigte Moderne einarbeiten will, ist mit dem „Manuale op. 79“ von Flor Peeters gut beraten, erschienen bei Schwann (Peters) unter S 2216.
„Sechzehn einfache Fantasien für Orgel“ lautet der absolut zutreffende Untertitel. Alle Stücke sind manualiter spielbar, gewinnen aber durch Pedalgebrauch. Mir persönlich gefällt Peeters’ lineare Klangsprache ungemein. Dissonanzen entstehen ausschließlich durch die Konsequenz der Stimmführung, deshalb liegt die Musik gut in den Fingern. Peeters hat seine Klangvorstellungen stets in eindeutigen Registerangaben fixiert. So lassen sich seine Intentionen sehr gut nachvollziehen.

Und jetzt meine drei bevorzugten „Ohrwürmer“: „Air und Gavotte“ des Mendelssohn-Zeitgenossen Samuel Wesley, erschienen bei Willemsen im holländischen Huizen, Verlagsnr. 267. Vor allem die Gavotte ist – in straffem Tempo leichthändig und -füßig in die Tastaturen getupft – ein anmutiges Stück Musik, das mit wechselnden Plenum-Stufen auf Haupt- und Schwellwerk Spiel –und Hörfreude aufkommen lässt.

Für eine schöne, runde Solotrompete und ein Begleit-Schwellwerk, in dem auch „was zum Schwellen“ drinsteht, ist Alfred Hollins’ „Trumpet Minuet“ geschrieben, ebenfalls bei Willemsen unter der Nr. 866 erschienen. Die durchgängig hochgeführte linke Hand ist etwas gewöhnungsbedürftig, ansonsten bietet das Stück kaum Schwierigkeiten. Im Pedal muss allerdings der Fußsatz für die D-Dur-Skalenausschnitte sicher, flüssig und vor allem legatissimo sitzen!

„Tuba tune in D“ von Craig S. Lang, gleichfalls von Willemsen, Nr. 730. Inzwischen eines meiner Standard-Orgelvorführstücke („Tuba mirabilis“ gegen den Rest der Welt). Wenig Übeaufwand – tolle Wirkung!

Johann Christian Heinrich Rincks Choralvorspiele sind ja schon seit einiger Zeit „rehabilitiert“, jetzt scheint dieser Prozess auch bei seinen freien Werken einzusetzen. Bei Butz (BU 1708) gibt es 12 Präludien und Fugen aus Rincks op. 55. Die Präludien sind z.T. recht knapp gehalten, sie bieten eher musikalischen Affekt im Stil der Frühklassik als orgeltypische motivische Arbeit. Sauberes Organistenhandwerk sind die Fugen im harmonischen Idiom der Frühromantik. Die gelegentlichen Oktaverdopplungen zwischen l.H. und Pedal (oder im Ped. selber) sind auf modernen Instrumenten zu vernachlässigen. Als Rinck seine Präludien schrieb, waren die Pedalkoppel und der Choralbass 4’ noch nicht (bzw. nicht mehr) flächendeckend im Schwange. Sehr schön an dieser Ausgabe finde ich die Übernahme der originalen Vortrags- und Phrasierungsangaben Rincks. Der Komponist drückte sehr konkret leicht nachvollziehbar aus, wie er seine Stücke gespielt haben wollte. Die Möglichkeit, sie also recht „authentisch“ zu spielen, gibt dieser Musik einen ganz besonderen Charme, finde ich. Da Rinck 15 Jahre in Gießen amtierte, spiele ich durchaus mit dem Gedanken, ihn dortselbst irgendwann mal eingehender zu würdigen – 2010 steht sein 240. Geburtstag an.

Da ich die Choralbearbeitungen von Herbert Paulmichl sehr schätze, haben seine „7 Präludien und Fugen“ mein Interesse geweckt (pro organo 1075). Sie sind von etwas herberer Klanglichkeit – bei strenger Linearität – als die CVS des Komponisten. Dabei überzeugen mich die konsequente motivische Arbeit und ein organischer Fluß der Stimmen. Gewöhnungsbedürftig ist der Verzicht auf Generalvorzeichnung am Zeilenanfang, jedes Vorzeichen steht im Notentext eigens da. Die sieben Stücke, die P. seinem Regensburger Kompositionslehrer Oskar Sigmund gewidmet hat, sind bewusst knapp und konzentriert gehalten. Einem „anfahenden“ Organisten bieten sie eine (sehr) behutsame Einführung in (geringfügig) ausgeweitete Tonalität.

Gleich auf mehreren Demo-CDs von Digitalorgelherstellern habe ich Ralph W. Driffils „Orgeltoccata“ gehört und kam zum Schluß: sehr wirkungsvoll bei eher moderatem Aufwand. Gefunden habe ich den rauschenden Vierminüter im Sortiment von Willemsen im niederl. Huizen unter der Best.-Nr. 534. Der Aufbau folgt dem bewährten und vielkopierten franz.-sinfonischen Strickmuster: bewegte (anfangs moll-) Figuration in der r.H. über hingetupfter Akkordik, lyrisches Nebenthema in der Durparallele für alles was streicht und schwebt, schließlich triumphale Schlussapotheose mit Toccatenfigur in Dur und Nebenthema im doppelten Fortissimo. Ein nicht ganz unversierter Hörer würde auf einen bis dato unentdeckten Boellmann oder Dubois tippen.

Ebenfalls durch eine Demo-CD wurde ich aufmerksam auf ein „Voluntary“ des ndl. Zeitgenossen Teke Bijlsma. Die einsätzige barocke Stilkopie führt ein elegant-spritziges Motiv für Cornett oder Solotrompete in munterem Allegro über generalbaßartig stützender Flötengrundierung. Konzise Form und nachvollziehbarer Modulationsplan machen das hübsche, flotte vom-Blatt-Stück zu einem Ohrwurm. Ich denke, es könnte meinen Konfis gefallen. Erschienen ist es bei Willemsen unter Nr. 744 zusammen mit einem nicht minder flüssigen “Flute piece“ Bijlsmas, einer duftigen quasi-Invention (manualiter) für eine 4’-Soloflöte gegen einen diskreten Bourdon 8’. Am Schluß geht's in die Durparallele und wird mit Pedal-unterfütterten Füllakkorden auskadenziert. Die allfälligen Stimmkreuzungen lassen sich ggf. durch Tiefoktavierung mit zweitem 4’-Register vermeiden. 

                                                                                                                                           

                                                                                                                               

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