Journal für Orgel, Musica Sacra und Kirche

                   ISSN 2509-7601




Orgel, Raum und Hall - Hörbeispiele, Gedanken und Tipps zu einem akustischen Spannungsfeld   UPDATE 

Um es zu Beginn klarzustellen: Die folgenden Zeilen sind aus der Perspektive eines zwar klangerfahrenen, jedoch audiotechnisch recht unkundigen Laien geschrieben, der Orgel spielt und diese Klänge hin und wieder aufzeichnet.

Treten wir ein in die gedankendurchflutete Halle des Orgelklangs: Die Bewertung einer Orgel oder der auf ihr dargestellten Musik wird gerne unter überproportionalem Einbezug der Parameter Raum und Hall vorgenommen. Der Nachhall einer Orgel scheint die Aura des als heilig wahrgenommenen Raumes zu verstärken. Je länger die Raumanregungen wahrnehmbar sind, desto mystischer und gehaltvoller erscheinen vielen Rezipienten auch die Orgelklänge. Erfahrungsspuren des Transzendenten drängen sich bezüglich Orgelklang und Raum auf, zuweilen sogar mehr. Allein an den vielen Versuchen, synthetischen Hall bei Tonaufnahmen oder auch Digitalorgeln zu addieren, ist zu sehen, dass die Attraktivität dieses Phänomens beträchtlich ist.

Erfahrungsspuren des Transzendenten?

Gewiss besitzt der Aufstellungsraum einer Orgel eine wichtige Bemessungsgrundlage für Mensuren und Intonation. Für die Artikulation des Spiels ist er zudem von erheblicher Bedeutung. Die Größe des Instruments scheint im Gegensatz zu der des Raums zunächst einmal nachrangig zu sein. Bei aller Begeisterung für den Nachhall tritt die Prägnanzqualität des Klanges oftmals in den Hintergrund. Beim staubtrockenen Hausorgelklang wäre sie am reinsten, aber kaum im Rahmen eines gewohnten und daher auskömmlichen Wohlklangs zu verorten. Immerhin bietet der Hausorgelklang eine durchaus Interesse weckende Akustik, die schludrige Artikulation gnadenlos enttarnt. In diesem YouTube-Clip ist ein der trockene Sound einer Hausorgel (mit Hilfe eines Orgel-Softwaresamplers) zu hören.


Clarté vs. Waschküche und Hallenbad

Kathedraleske Hallhypertrophie steht am anderen Ende der Skala, die schnell ein Too much attestieren lässt. Allerdings ist die Wahrnehmung hier sehr subjektiv: Für den einen sind 7 Sekunden in einer mehrschiffigen gotischen Hallenkirche mit Kreuzrippengewölbe noch völlig okay, für den anderen hört’s bereits ab 2,5 Sekunden in einer einschiffigen Kirche mit hölzerner Kassettendecke auf. Nur einmal nebenbei: Eine Entdeckung ist auch die Variabilität des Klanges zu unterschiedlichen Jahreszeiten. Ein vollbesetzter Weihnachtsgottesdienst mit üppiger Kleidung der Anwesenden zaubert im Nu eine trockene Tonstudioatmosphäre. Hier ist ein der Unterschied zwischen Wet und Dry (mit Hilfe eines Orgel-Softwaresamplers) deutlich zu hören.


Es wäre unterkomplex, eine Gleichung aufzustellen à la „Je mehr Hall, desto weniger Prägnanzqualität“. Hier gibt es ebenfalls eine Variabilität. 5 Sekunden Nachhall können eine Clarté zaubern, die es in sich hat und den Klang veredelt. Ebenso können diese fünf Sekunden aber auch wie eine Mischung aus nebliger Waschküche und belebtem Hallenbad klingen. Die konkrete Ausstattung des Raumes mit all ihren schlichtweg nicht messbaren Individualitäten sind hier bezüglich der Rückwürfe definierend. Der Aufstellungsort der Orgel ebenso.

Prägnanzqualität

Eine weitere auditive Sensibilisierung vermitteln Tonaufnahmen, die durch die Mikrofonposition im Raum maßgeblich determiniert werden. Grundsätzlich ist eine Aufteilung in Front (Direct & Diffuse) und Rear üblich. Die Charaktereigenschaften von Raumgröße und – beschaffenheit sind hier ebenfalls von komplementärer Bewandtnis; mit anderen Worten: Eine vom Instrument weit entfernte Mikrofonposition verstärkt einen halligen Grundcharakter des Raumes und generiert einen verwaschen unpräzisen Sound. Gleichzeitig betont eine direkte Mikrofonierung vor dem Instrument einen möglicherweise sehr trockenen Raum umso mehr.

Diese Phänomene sind sehr gut in dem YouTube-Clip „Organ Recording Problems: Rear/Direct/Diffuse [Organistenzwirn]“ zu hören. Die Aufnahmen wurden mit einem kleinen Digitalrekorder erstellt. Beim Rear Recording stand der Digitalrekorder im Altarbereich, also sehr weit entfernt, beim Direct Recording hingegen in unmittelbarer Nähe des Spieltisches auf der Brüstung der Orgelempore. Deswegen sind auch die mechanischen Pedalgeräusche gut zu vernehmen.


Hallradius als Benchmark

Eine gute Lösung scheint für den Orgelklang das Diffuse Recording zu sein, wenn es über den sogenannten Hallradius definiert und zumindest in dessen Nähe ausgeführt wird. Der - von der Orgel aus betrachtet - konvexe Hallradius markiert die Grenze zwischen Direkt- und Diffusschallfeld, auf der beide Schallfelder gleiche Anteile haben. In der Regel ist das am Hallradius orientierte Diffuse Recording jedoch nur mit erhöhtem Aufwand zu realisieren, es erfordert häufig sehr hohe Mikrofonstative bzw. eine Decken- oder Gewölbe-Hängevorrichtung. Das kann sehr aufwändig sein.


Im YouTube-Clip wurde es an dritter Stelle zumindest angestrebt. Der Rekorder konnte im Seitenbereich der überdurchschnittlich großen Orgelbühne aufgestellt werden. Die offenen Prospekte der weit auseinander liegenden Werke (Hauptwerk, Rückpositiv und Pedal) kamen nach spontanen Überlegungen dieser Aufnahmeposition entgegen. Gleichwohl sollte sich der Standort als nicht ideal erweisen, was auch gut zu hören ist. Der Aufnahme fehlt schlichtweg die Prägnanzqualität. Innerhalb des Diffusschallfeldes war der Recorder zu weit vom Instrument und dem gefühlten Hallradius entfernt; zu weit, um einen präzisen Klang zu generieren. Wahrscheinlich lag die Crux dieser Amateuraufnahme darin, dass der weitere Raumanteil der seitlichen Empore zu dominierend war.

Optionen durch subjektiven Ermessensspielraum

Diese Wertung zeigt ebenso wie die Vorliebe für mehr oder weniger Hall einen zulässigen subjektiven Ermessensspielraum auf. De gustibus non esse disputandum. Wir halten fest: Die Schwelle, an der es bereits in der Nähe des Instrumentes an Präzision fehlt, kann sehr schnell überschritten sein. Das berüchtigte "Weniger ist mehr" bewahrheitet sich einmal wieder.

Weitere persönliche Optionen drängen sich zudem oftmals auf und erschweren die Entscheidungsprozesse: Wie viel Diffusität verträgt die darzubietende Musik? Wird der akustische Grundcharakter des Raumes repräsentiert? Werden die guten Seiten des Instrumentes durch die Aufnahmeposition hervorgehoben?

Fragen über Fragen, die durch individuelle Experimentierfreude und vielleicht mühevoll gewonnene Erfahrungen Antworten suchen.

© Matthias Paulus Kleine/Oktober 2022


Instruktive Links zum Thema:

Raumakustik 1 - Schall, Reflexionen, Nachhallzeit, Hallradius (burosch.de)

TRLV Lärm Teil 3: Lärmschutzmaßnahmen, Anlage 4 (bgn-branchenwissen.de)


                                                                                                                         

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