Journal für Orgel, Musica Sacra und Kirche

                   ISSN 2509-7601

 

                                                          

                                                                                         


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88 Jahre Heinz Wunderlich treffen 100 Jahre Seifert-Orgel in Kevelaer - Flüchtige Gedanken zum Faktor Zeit anlässlich eines bedenkenswerten Konzertes

KMD Prof. Heinz Wunderlich eröffnete die Konzertreihe zum 100. Geburtstag der Mega-Orgel am Niederrhein. Unwillkürlich drängen sich da Gedanken zum Phänomen Zeit auf, wenn sich zwei Legenden treffen. Das Konzert war elementar strukturiert und dauerte eine Stunde. Der inhaltliche Faden „Bach-Reger-Wunderlich“ war deutlich und diente nicht nur der Wahrnehmung, dass sich Wunderlich spätestens mit den letzten Takten des zweiten Bachwerkes in eine Leistungsstärke hineingespielt hatte, die absoluten Respekt bei gleichzeitigem nimmersatten Staunen hervorrufen muss. Wunderlichs brilliante und äußerst ausdifferenzierte Agogik ließ Musik das verrichten, was sie anderen Künsten zuweilen voraus hat: Sie öffnete und schloss Deutungsebenen in Echtzeit.                                                                                        
Wenn ein 88-Jähriger an einem gewaltigen historischen Instrument (lassen wir einmal das Sakrale beiseite) höchst virtuose Klänge gestaltet, dann birgt es die Gefahr in sich, der Anhäufung von Jahren überproportional viel Beachtung zu schenken. Vermutlich würde ein wie auch immer zu betrachtender Jugendwahn indirekt bedient, wenn die Performance des Straube-Schülers Wunderlich lediglich vor der Folie des Alters betrachtet würde. Zeit ist Gnade und somit unverdient. Zugleich wirkt sie jedoch auch wie ein Tyrann - unablässig tickend.

Nein, dieses Konzert ließ vielleicht eher die Ideen des Hl. Augustinus vergegenwärtigen. Der Kirchenlehrer machte sich bekanntermaßen Gedanken zum Wesen der Zeit. Zukünftiges und Vergangenes sind für ihn wenig greifbar, da sie nur über die Gegenwart zu verstehen sind. Die Gegenwart wird jedoch bei näherer Betrachtung zum unwiederbringlichen Windhauch des Augenblicks. 

Das Wunderlich-Konzert schien allein wegen der gegebenen Voraussetzungen und Atmosphäre der Idealvorstellung des Augustinus entgegenzukommen: Bereits Geschehenes und Zukünftiges mischten sich dicht ins sinnlich erfahrbare „gegenwärtige Bewusstsein“. Sie ließen nämlich das Bedürfnis groß werden, die bereits zelebrierten musikalischen Momente der Reger-Straube-Schule in die Zukunft hinein fortsetzen zu können, und sei es auch nur in der Form eines Ohrwurms, der auf die nächsten Stunden oder Tage verweist. Der (nicht nur neutestamentliche) Kairos stand im Raume. "Oh Augenblick, verweile doch, du bist so schön!" Insofern schmerzte die relative und zugleich verständliche Kürze des Events.

Die Orgel selbst machte alles mit, so gut es ihr trotz im Übermaß vorhandener Verschmelzungsfähigkeit möglich war. Auch ohne Hochdruckstimmen und Fernwerk diente sie im wahrsten Sinne als Instrument. Die mit höchstens 100 Zuhörern übersichtlich besetzte Basilika bestätigte allerdings die Befürchtungen des Kölner Musikwissenschaftlers Roland Eberlein. Gemeint ist seine Studie „Stell dir vor, die Orgel spielt und keiner geht hin“, die im PDF-Format erhältlich ist.

Einen besonderen Eindruck hinterließ die Situation unmittelbar nach dem Konzert unterhalb der Empore: Heinz Wunderlich blieb zunächst für längere Zeit freundlich lächelnd wie ein Denkmal inmitten des verbliebenen Kreises der Neugierigen stehen und niemand – abgesehen von ein paar Autogrammjägern – wagte es, ihn anzusprechen. Eine junge Dame durchbrach diese ehrfürchtige Stille ganz spontan mit der Frage, ob er denn immer noch täglich fünf Stunden lang übe. Das wusste der Meister daraufhin leise zu bestätigen: "Ja, es gibt noch eine Menge interessante Literatur zu entdecken." Zeit beeindruckt.  (mpk)


(Fotos Heinz Wunderlich: © Rahel Maria Glebe)                                                               

                                                                                                                    

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