Journal für Orgel, Musica Sacra und Kirche

                   ISSN 2509-7601

  

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                

Männerschwund? Gedanken zum dreistimmig singenden Kirchenchor inklusive Notentipps          
                                                                                                                            Die kirchliche Chorszene hat sich in den letzten Jahren deutlich diversifiziert. Chöre, die in der bekannten katholischen Ordinariumsfalle sitzen oder das der Hochkultur verpflichtet erscheinende protestantische Programm "Schütz, Bach & Mendelssohn" im Dauer-da-Capo abarbeiten, sind merklich in die Minderzahl geraten, konzentrieren sich auf immer größere Einzugsgebiete und rekrutieren ihre Sänger mit hohen Benzinkosten.

Interessant erscheint angesichts der neuen Vielfalt chorischer Stilismen die folgende Bemerkung, die einem Lexikon entnommen ist und z.B. den Gospelchören kritisch zugedacht war: „Noch nicht abschließend geklärt ist jedoch die Frage, wie man mit einer chorischen Laienbesetzung diese Stilistiken überhaupt authentisch darstellen kann.“ Diese Frage ist mit all ihren Implikationen durchaus zynisch. Müsste man diese Zweifel an einem "authentischen" Aufführungspotenzial nicht sehr vielen kirchlichen Laienchören angesichts jedweder Literaturpräsentation mitteilen? Und zudem:
Hat im Spannungsfeld von Liturgie eine derartige Bemerkung überhaupt eine wirkliche Berechtigung?

Kirchenmusik als liturgische Glaubenshilfe  

Vielleicht mag ein profunder Satz von Peter Planyavsky da weiterhelfen: „Und so habe ich mich auch immer definiert: als jemand, der anderen dazu verhilft, ihren Glauben stärker zu empfinden, eine Botschaft deutlicher zu vernehmen, ein Lied leichter mitzusingen, einen Gottesdienst froher mitzufeiern.“

Andere Fragen sind jedoch ebenso brennend. Für die neuerdings verstärkt erscheinende Literatur für dreistimmig singende Kirchenchöre ist dem grassierenden Männerschwund in den XXL-Gemeinden geschuldet und verweist indirekt auf den Umstand, dass kirchliche Arbeit mit regelmäßiger Verpflichtung zum größten Teil von Frauen geleistet wird.
Kirchenchöre erklären es dann zum Beispiel so: „Da sich in den letzten Jahren allgemein zeigt, dass sich leider immer weniger Männer dazu entschließen können, regelmäßig in kirchlich gebundenen gemischten Chören mitzusingen, muss die Chorliteratur diesem Umstand angepasst werden.“

Die Notenverlage reagieren, und in der Tat sind ihre Innovationen nicht schlecht.  

Chorbuch a tre - Dreistimmige Chorsätze für den Gottesdienst (Reiner Schuhenn/Winfried Boenig/Richard Mailaender/Walter Sengstschmid): Ausgewählt wurden 160 Sätze aus fünf Jahrhunderten, die eine große Bandbreite an Stilrichtungen und Epochen abdecken. Dabei sind alle repräsentativen Gattungen vertreten, angefangen vom Kantionalsatz bis zum Pop/Jazz-Arrangement. Neben besonders lohnenden bereits vorhandenen Werken sind rund 50 Sätze eigens für Chorbuch a tre entstanden und geben dem Singen im Gottesdienst neue Impulse.  Vorschauseiten  

Weihnachtslieder - Chorbuch dreistimmig, für zwei Frauenstimmen und eine Männerstimme - zum Teil mit Tasteninstrument (Armin Kircher): über 80 Arrangements bekannter Weihnachtslieder sowie Motetten (deutsch, englisch, latein) - mit bekannten Kompositionen u. a. von Bach, Gruber, Händel, J.M. Haydn, Monteverdi, Praetorius, Saint-Saëns und Schnabel, bewährten Sätzen von Komponisten aus jüngerer Zeit (u. a. Doppelbauer, Horn, Kühlenthal, Sperling, Stern) und vielen für diese Sammlung neu komponierten Sätzen (u.a. von Helmut Barbe, Josef Bogensberger, Markus Eham, Otmar Faulstich, Thomas Gabriel, Gunther M. Göttsche, John Høybye, Armin Kircher, Giacomo Mezzalira, Herbert Paulmichl, Jozef Swider, Alan Wilson)  Vorschauseiten

Passauer Chorbuch - Chorsätze zu drei Stimmen (Marius Schwemmer): Das dreistimmige »Passauer Chorbuch« vereint Liedsätze und Motetten zum Kirchenjahr sowie liturgische Kompositionen bis hin zu kompletten Messen. Der überwiegende Teil der Sätze ist neu für diese Veröffentlichung entstanden, vertreten sind aber auch Originalkompositionen aus verschiedenen Epochen, zum Teil mit Klavier oder Orgel. Der Schwerpunkt liegt auf Liedern des katholischen Gesangbuchs, doch werden auch evangelische Chöre aus dem reichen und stilistisch vielfältigen Fundus schöpfen können.  Vorschauseiten   

Fünfzig mal drei - 50 dreistimmige Chorsätze für Sopran, Alt und eine Männerstimme (Klaus Heizmann): Folgeband des Chorbuchs "Vierzig mal drei" - weitere 50 dreistimmige, leicht zu singende Chorsätze für alle wichtigen Anlässe im Kirchenjahr  Vorschauseiten   

Singend durch das Kirchenjahr - Ökumenisches Chorbuch zu drei Stimmen (Antje Wissemann/Markus Karas): Das dreistimmige geistliche Chorbuch wendet sich an all die Chöre, die mit "Männerschwund" zu tun haben und doch weiterhin den Wunsch verspüren, als gemischtes Vokalensemble in der Kirche singen und auftreten zu können. Es orientiert sich am Kirchenjahr und bietet Chorleitern und Chören stilistisch vielfältiges Material für die Probenarbeit und für eine lebendige Gottesdienstgestaltung. Es enthält die beliebtesten Kirchenlieder aus Gesangbuch und Gotteslob, kleine wirkungsvolle Motetten, schwungvolle Neue Geistliche Lieder, groovende Spirituals und zeitgenössische Werke.  Vorschauseiten   

Chorbuch Gotteslob – Chorleiterband für Chor & Orgel - Gesamtpartitur für Kinderchor, Frauen-/Mädchenchor, dreistimmig und vierstimmig gemischten Chor und Orgelstimme mit ca. 135 Chorsätzen: Der Band bietet, basierend auf einem gemeinsamen Orgelsatz, zu jedem der 135 Lieder jeweils einen Satz für vierstimmig gemischten Chor, dreistimmig gemischten Chor, dreistimmigen Frauen-/Mädchenchor und meist zweistimmigen Kinderchor.  Vorschauseiten                                                                                        
Gott lädt uns ein - Chorbuch (Michael Schütz): konfessionsverbindend zu nutzende Pop-Arrangement-Sammlung für 3 bis 4st. gem. Chor - Sie enthält 78 leichte bis mittelschwere Arrangements im Pop-, Rock-, Jazz- und Folk-Stil zu 98 Liedern aus dem EG. Die Pop-Arrangements sind in erster Linie als Praxis-Hilfe für Chöre gedacht, sollen auf Grundlage des EG den Gemeindegesang beleben und das gemeinsame Musizieren im Kirchenchor in verschiedenen Stilen fördern. "Gott lädt uns ein" ist völlig kompatibel mit "Gott gibt ein Fest" (Pop-Arrangements zum EG für Musikgruppen in beliebiger Besetzung) und "Das ist ein köstlich Ding" (Pop-Arrangements zum EG für Posaunenchor).

"Die Chorsätze sind alle leicht, einige Begleitungen wollen geübt sein. Viele Lieder fangen neu an zu leben. Diese Sammlung ist anregend, auch zur eigenen Improvisation. Empfehlung!" (Musik im Bistum Essen, II/2003)  Vorschauseiten   

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Wie so oft steckt der Teufel im Detail und dieser ist zuweilen ganz deutlich im Ambitus der Männerstimme vorhanden. Den einen wird’s zu tief, den anderen zu hoch gesetzt sein. Ob man dann mit Oktavierungen arbeiten kann, muss konkret vor Ort entschieden werden. Eine angenehme Baritonlage ist gewiss nicht in jeder dreistimmigen Chor-Komposition enthalten. Darauf sollte jedoch ebenso wie auf die Höhe des Soprans geachtet werden. Durchschnittliche Kirchenchöre haben vernehmliche Probleme mit Soprantönen oberhalb von e’’. Tritt noch ein Alterstremolo hinzu, so dürfte die Attraktivität des Chores bei Nichtberücksichtigung dieser Grenzen erheblich abnehmen.

Mindere Qualität?  

Selbstverständlich ist es – wenn auch ein verbreiteter – Nonsens, dem dreistimmigen Singen mindere Qualität zuzusprechen. Da kann man nicht nur die Brüder Haydn oder Hugo Distler als gutes Gegenargument anführen. Fast könnte man sogar behaupten, dass der dreistimmige Satz für den Laienchor durchaus anspruchsvoller zu sein scheint, da man Fehler deutlicher heraushören kann. Zweitens hat insbesondere die Männerstimme an vielen Stellen einen großen Bogen zu spannen, der tonsatztechnisch bedingt ist. Für den Komponisten ist sehr viel problematischer, die Stimmen sanglich zu setzen, da ihnen eine im Verhältnis zum vierstimmigen Satz größere harmonische Bedeutung zuwächst. Wer Laienchöre kennt, weiß durchaus zu berichten, dass die Männer im Gegensatz zu den Frauen eher der Abteilung des Langsamlernens zuzurechnen sind.

Gewiss hängt vieles vom konkreten Geschick des Tonsetzers und der Frage ab: Ist’s original dreistimmig konzipiert oder wurde ein ursprünglich vierstimmiger Satz bearbeitet? 

Innovatives aus Hoyerswerda: Kantor Johannes Leue über seine dreistimmigen Bach-Choräle mit neuen Texten       

"ln den meisten großen Chorwerken Johann Sebastian Bachs nimmt dieser mit der Gestaltung von allgemein bekannten Chorälen Bezug auf die gottesdienstliche Erfahrungswelt seiner Zuhörer. Text und Melodie waren den meisten Menschen geläufig und konnten so ihre emotionale Kraft entfalten.

Hier nun der Versuch, diese Sätze auch für kleinen bzw. dreistimmig gemischten Chor praktikabel zu machen. Das ist natürlich nicht ohne chorische Herausforderung möglich:

1. Durch die Dreistimmigkeit wird die Stimmführung für Alt und Bass etwas anspruchsvoller, da der Tenor ja befriedigend ersetzt werden muss.

2. Für Alt und Bass ist auch der Tonumfang größer. Im Bass wurde mit Rücksicht auf persönliche Stimmlage durch Stichnoten ein Ausweichen bei großer Höhe bzw. Tiefe ermöglicht.

3. Mit kleinerer Besetzung sollten die Tempis etwas flüssiger genommen werden, da der Klang auch durchsichtiger ist. Wichtig wird damit eine lebendige Deklamation der Texte, was durchaus zu einer ganz verschiedenartigen Strophengestaltung führt.

4. Manche Sätze wurden transponiert, um dem Sopran quälende Höhen zu ersparen. Das ist jeweils vermerkt, um bei Bedarf auch in der Originaltonart singen zu können.

5. Gelegentliche obligate Zusatzstimmen könnten für Abwechslung in der Strophenfolgesorgen.

Vorschauseiten der Ausgabe dreistimmige "Bach-Choräle mit neuen Texten"   

Ein wesentliches Merkmal dieser Ausgabe sind die neuen Texte. Sicher haben die überlieferten Choraltexte bleibende Aussagen und erinnern an pesöhnliche Erfahrungen. Außerdem sind sie historisches Kulturgut. Doch leider sind auch Text und Reim einer Verfallszeit unterworfen. Besonders für nicht mit kirchlichen Traditionen vertraute Menschen sind sie oft unverständlich, sperrig oder fragwürdig. In den neuen Gesangbuchausgaben werden deshalb immer wieder mit Erfolg Textmodernisierungen praktiziert.

Die neuen Texte in dieser Ausgabe sind größtenteils keine Nachdichtungen, sondern befassen sich mit heute gefragten Glaubensthemen bzw. dem Kirchenjahr. So ergeben sich ganz neue Möglichkeiten für die musikalische Gute Nachricht, thematisiert durch Predigt oder Kirchenjahr in unserer Zeit gehört zu werden."   

Zum Thema Chorbegleitung ...     

Eine weitere Stellschraube ergibt sich durch die Frage der instrumentalen Begleitung, die die möglichen Schwächen des Chores häufig etwas auszugleichen imstande ist und überhaupt den Gesamtklang bereichert. Hier fällt auf, dass das A-capella-Singen oder die obligatorische Begleitung mit der klassischen Pfeifenorgel weiterhin üblich ist, jedoch eine gewisse Selbstverständlichkeit des Klavier-Einsatzes im katholischen Ritus Einzug gehalten hat, die vor Jahren noch relativ unvorstellbar war. Nicht nur aus diesem Grunde mag das erstmalige Erscheinen eines Klavierbuches zum neuen Gotteslob vielerorts mit Spannung erwartet werden.
                                                                                                                              Eines wird selbst der puritanischste Kritiker der beschriebenen Entwicklung wohl zugutehalten: Der verstärkte Bedarf an dreistimmigen Chorkompositionen fördert die Entstehung neuer und zeitgenössischer Werke. Sie verhindert tendenziell die traditionalistische Grundversuchung des Kirchenmusikers einer historistischen Exklusivität fernab der Lebenswirklichkeit konkreter Gemeinden.

Engagierte Gelassenheit  

Fast hätten wir jedoch Folgendes vergessen: Die Movationskompetenz des Vermittelnden vor Ort ist von fundamentaler Wichtigkeit. Hier ist wie immer ein Slogan der 70er Jahre angesagt, und zwar: „engagierte Gelassenheit“! Diese innere Ruhe ist allen zu wünschen, die sich im Widerstreit mit denjenigen befinden, die sich nach den angeblich guten alten kirchenmusikalischen Zeiten sehnen, in denen Kirche und Welt noch in Ordnung gewesen sein sollen.  (mpk)  
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                            

                                                                                                                         

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