Journal für Orgel, Musica Sacra und Kirche

                   ISSN 2509-7601







Alles geht den Johann Sebastian Bach runter? Zielführende Einblicke in ein 7-stimmiges Narrativum  

Das - netto betrachtet - 119-seitige Opus von Harald Sumik "Alles geht den Johann Sebastian Bach runter? Eine märchenhafte Fuge a sette voci" ließ mich nach vollzogener Lektüre etwas ratlos zurück. Zunächst hatte ich das Lesen mit drängender Neugierde begonnen, auch angesichts der durch den Ventura-Verlag (Werne a.d. Lippe) behaupteten Literaturgattung Roman war ich gespannt. Leider ließen
mit zunehmendem Seitenkonsum die empfundenen Ungereimtheiten doch einige Dissonanzen beim Lesen auftreten und so manches als Bicinium erscheinen. Die gewiss konstruktiven und guten Seiten der Erzählung wurden dadurch deutlich in den Schatten gestellt. Schauen wir uns das doch nun einmal im Rahmen dieser Rezension etwas genauer an.  

"Leipzig, im Dezember 1734. Der große Johann Sebastian Bach steht kurz vor der Uraufführung seines Weihnachtsoratoriums, doch hinter jeder neuen Note verbirgt sich ein neues Problem. So muss sich Bach mit dem Sächsisch-Dresdner Rundfunkkammerorchester herumplagen, mit großspurigen Musikmanagern oder auch Versagensängsten auseinandersetzen. Zudem kriselt es in seiner Ehe mit Anna Magdalena. Und dann spricht auch noch Gott zu ihm. Historische Wirklichkeit und Fiktion komponiert Harald Sumik zu einer märchenhaften Erzählung. Dass Bach ein Handy hat und zum Medienstar avanciert, sind nur zwei der vielen Fantasieprodukte dieser abgedrehten Geschichte um Musikerseelen, historische Fakten, Anekdoten und das gesellschaftliche Treiben unserer Tage." 

Soweit der O-Ton des Ventura-Verlages. Und in der Tat: So grell hatte ich Johann Sebastian Bach eher in Suchmaschinenergebnissen gesehen, die seine bekannten Elias-Haußmann-Portraits (es gibt ja zwei!) mit Sonnenbrille oder dergleichen auf dem Bildschirm sozusagen aktualisiert präsentieren.

Skurril. Gewiss. Episch. Passt schon. Historisch. Wie bitte?

Ich mag der weiteren Promotion des kleinen münsterländischen Verlages mit den Worten "skurril, historisch, episch" durchaus Recht geben. Allerdings mit einer wichtigen Einschränkung: Das Attribut "historisch" bereitet mir hier wirklich Bauchweh. Und damit meine ich keineswegs die Zeitsprung-Melange aus einem Perücke tragenden und Cembalo spielenden Bach, der dann ein Handy Marke "Sung Sang Typ Galaxia S IV 02" in der Jackentasche hat, seine Kinder eine DVD gucken lässt und auch Fax oder E-Mail kennt. Geschenkt. Eine lustige Idee, aus der man etwas machen kann.

Nein, es stört mich die offensichtlich falsche oder vielleicht auch wenig erfolgte Recherche bezüglich des historisch Faktischen: 
  • Sumik schreibt von Bachs geliebter Silbermann-Orgel in der Leipziger "Thomas- oder Nicolaikirche", was gleich zwei Exemplare nahelegt: Hat's dort aber nie und nimmer gegeben, auch nicht eine einzige! Zudem waren Bach und Silbermann zeitlebens - zumindest bis 1746 - deutlichst auf Distanz.
  • Sumik lässt Bach cholerisch und völlig verachtend gegen Telemann wettern: Bach war zwar ein engagierter Choleriker, gleichwohl mit Telemann deutlich  befreundet. Der Taufpate des zweiten und bekanntesten Sohnes Carl Philipp Emanuel hieß übrigens auch Georg Philipp Telemann. Sieh an.
  • Sumik schreibt vernehmlich über das mittelmäßige, trostlose und unverständige Nest Leipzig. Bach lebte jedoch 27 Jahre in der damals bedeutendsten Messestadt Deutschlands (Sumik: "keine besonderen Vorkommnisse"), der er bei aller Kritik durchaus Förderliches (auch gutes Geld) oder den etablierten Jura-Studienort seiner Söhne abgewinnen konnte. Auf Bachs angebliche Marktinkompatibilität kommen wir noch zurück.
  • Auch den offensichtlich belastenden Orgeldienst versah der Virtuose Bach - im Gegensatz zu Sumiks Darstellung - in der Thomas- oder Nicolaikirche mitnichten. Das war als Thomaskantor und Musikdirektor Leipzigs wirklich nicht sein Job. Hingegen reiste Bach hin und wieder als geschätzter Orgelsachverständiger umher, was er sich bestens bezahlen ließ.
Wir könnten diese Ernüchterungen zum - vom Ventura-Verlag insinuierten -  Anspruch "Historische Wirklichkeit" nun fortsetzen. Aber das wäre so müßig, wie es für den informierten Leser im Laufe der Lektüre ärgerlich ist. Kann es denn tröstlich sein, wenn nicht ein jeder Oktavparallelen hört?

Bachs sog. Weihnachtsoratorium besteht aus insgesamt sechs Kantaten, die in Gottesdiensten (sic!) an verschiedenen Tagen des Festkreises aufgeführt wurden. Wenn Harald Sumik das WO innerhalb eines abendlichen Konzertes dramatisiert, dann mag das ebenso seine literarische Freiheit sein, wie er auch die beiden historischen Personen Johann Heinrich Ernesti und Johann August Ernesti offensichtlich zu einem der Antagonisten namens "Ernesti" verschmelzen lässt. 

Fast könnte man Sumik mit den letzten zwei Beobachtungen eine kleine Brücke bauen. Es fällt mir insgesamt betrachtet jedoch schwer, über die anderen Dissonanzen hinwegzusehen, denn zu den oftmals statisch und statementartig wirkenden Dialogen gesellen sich noch andere Phänomene hinzu, die den Lesegenuss etwas zu trüben vermögen.

Interessiert "Vom Himmel hoch" mit oder auch ganz ohne IQ?

Zum einen sind es die Altherrenwitze, wenn ich sie einmal so nennen darf. Sie verteilen sich über das Geschehen, ordnen sich verschiedenen Situationen zu und klingen dann beispielsweise derart: "Babsi ist nicht gern allein, ein Prof muss immer bei ihr sein." Oder so: "Was interessiert uns dein IQ, Arsch und Titten hast auch du." Oder auch etwa
so: "Vom Himmel hoch, da kommen wir her, wir saufen alle Fässer leer, wir brauchen Sex, dazu den Suff, hey Kumpels, ab geht's in den Puff." Nun, lassen wir das einmal unter der Kategorie "abgedreht" hier nahezu unkommentiert stehen. Wer schmunzeln mag, der schmunzle. Als Spaßbremse mag ich hier nicht zur Verfügung stehen. 

Zum anderen ist es der kosmische (und auf mich arg esoterisch wirkende) Höhepunkt der ganzen Story.
Der Fairness wegen will ich dieses - allen Ernstes physisch durch das Dach der Thomaskirche hindurch stattfindende - Zielgeschehen der Erzählung an dieser Stelle nicht verraten. Um aber im Sprachcode zu verbleiben: Mannomann, echt geile Show!

Bachs Marktinkompatibilität - schlichter Kokolores! 

Weitaus beachtlicher ist es jedoch, dass die Erzählung für den Lesenden
- und das ist dramaturgisch betrachtet nicht ganz unwichtig - wohl ein sehr unbefriedigend abruptes und energieloses Ende findet: Bach kann/will mit seinem Erfolg nichts anfangen und zieht sich zurück, laut Sumik sei er "nicht marktkompatibel" gewesen. Und da sind wir wieder bei der Faktenlage. Das ist historisch betrachtet schlichter Kokolores, da Bach nachweislich erfolgreich, weil auch geschäftstüchtig war. Nur einmal ganz nebenbei: Der liebe Johann Sebastian verlieh nicht nur Instrumente gegen Entgelt, er verkaufte in Leipzig auch neue Instrumente auf Kommission, ebenso führte er beispielsweise mit seinem Collegium Musicum ein- bis zweimal pro Woche Konzerte in einem Leipziger Kaffeehaus auf: durchschnittlich 150 Zuhörer, zwei Stunden Programm - und das insbesondere in den Jahren der Entstehung des Weihnachtsoratoriums. 

Sumiks Plot besitzt einen eklatanten Bruch: Bach hat den
angestrebten Erfolg mit seinem Oratorium ungeachtet aller Probleme grandios erreicht. Eine "Bachmania" bricht aus. Und was passiert: Bach macht nichts draus. Das Marketing ist ihm laut Sumik zuwider, nachdem er es zunächst genutzt hatte. Er grollt. Meines Erachtens ist dieses Verhalten nicht nur gänzlich unhistorisch, sondern auch dramaturgisch widersprüchlich. Harald Sumik erliegt hier ganz offensichtlich dem verbreiteten romantischen Stereotyp, dass ein begnadeter Musiker nicht an seinem Erfolg finanziell teilhaben darf und sein Stern erst nach seinem Tode aufsteigt.  

So bleibt bei Sumik ein völlig vergrämter Bach zurück, der sein Leben zu Leipzig weder als segensreich noch sinnerfüllt resümiert. Diese nahezu suizidale und soziophobe Tristesse vermag auch der addierte Epilog der Erzählung nicht aufzufangen. Vielleicht wäre ein typisch offenes (und bitte durchkomponiertes) Ende à la Kurzgeschichte schlüssiger gewesen. Manchmal vermute ich: Hier ist vielleicht doch gar nicht von Johann Sebastian Bach selbst die Rede. Von wem aber dann?

Der unverstandene Titan als Klischee-Folie   

Summa summarum: Harald Sumik kommuniziert in seinem Opusculum bekannte Teile eines Bach-Bildes, die längst - und nicht erst seit Christoph Wolff - völlig überholt sind und an die Helden-Rezeption bis etwa 1950 erinnern: Der völlig unverstandene Titan Bach hätte inmitten ignoranter und kleinbürgerlich-kunstfeindlicher Verhältnisse gelebt und wäre 1750 "verbittert, voller Gram" verstorben. Nicht ohne Grund treten dann auch im etwas unvermittelten BBB-Epilog Ludwig van Beethoven und Johannes Brahms hinzu.

Historisch und musikwissenschaftlich ist hingegen festszustellen: Johann Sebastian Bach war äußerst gut vernetzt und galt zu Lebzeiten - ungeachtet manchen Ärgers mit seinen Vorgesetzten in Leipzig - als gelehrter und überregional renommierter Musiker, der 1750 in eher wohlhabenden Verhältnissen starb, nachdem er bis zuletzt an seine Gesundung geglaubt hatte. Ich persönlich kenne nur wenige Menschen, die mit dem äußerst resilienten Vollwaisen und Stehaufmännchen Johann Sebastian Bach vergleichbar sind. Man lese nur die diesbezüglich eindrücklichen Sichtungen der Traumatherapeutin Luise Reddemann.

Kurzum: Hier liegt meiner Einschätzung zufolge bei Sumiks historischer Konstruktion doch etwas grundsätzlich im Argen. Warum wird aber die Basis-Historizität der Erzählung
"Alles geht den Johann Sebastian Bach runter?" durch den Ventura-Verlag so plakativ behauptet?

Alles Klamauk? Harald Sumiks durchaus interessante Idee mit Charme

Fast wäre Sumiks gewiss interessante Idee eines JSB mit den skizzierten Accessoires des 21. Jahrhunderts (Wo bleiben aber aktuelle Datenkraken à la WhatsApp?) ein interessanter Plot gewesen, wenn man ihn denn handwerklich etwas galanter und vor allem bis zu einem würdigen Schluss hin umgesetzt hätte. Womöglich hätte das alles etwas werden können. Das wird an einigen Passagen deutlich, denn sie transportieren Charme. Vielleicht steckt aber gerade in der vorliegenden Ausarbeitung eine elaborierte Satire, die sich - von mir unbemerkt - auf die Metaebene zu hieven vermochte. Ein Indiz dafür wären vielleicht die handgemalten Illustrationen des Autors.

Ich befürchte jedoch, dass Harald Sumik das genannte und längst überholte heroische Bach-Bild immer noch in sich trägt. Eine deutliche Überarbeitung der Erzählung würde sich meiner Einschätzung zufolge lohnen.
(© mpk - 20.01.2017)



                                                                                                                         

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