Journal für Orgel, Musica Sacra und Kirche

                   ISSN 2509-7601

  

                                                                                                                                                                                                                        

          

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Gerard Bunk hatte Witz                                           
Klara und Liesel hatten an einem Sonntagmorgen des Jahres 1942 etwas ganz Besonderes vor: In aller Herrgottsfrühe sollte es klammheimlich mit dem Zug von ihrer Heimatstadt Werne aus nach Dortmund gehen. Das genaue Ziel war die Reinoldikirche und der Anlass eine feierliche Konfirmation. Liesel, die ältere der beiden Schwestern, hatte beim Organisten dieser Dortmunder Hauptkirche Orgelunterricht. Den feierlichen Gottesdienst mit der Live-Musik des Orgellehrers wollten sich die beiden auf keinen Fall entgehen lassen. Sie sollten auf ihre Kosten kommen. Nach dem abenteuerlichen Unternehmen kündigten sich jedoch große Gewissensbisse an, da sie um ihr ewiges Seelenheil bangten: Schließlich waren die Schwestern katholisch und der Gottesdienst evangelisch. Man kann es sich aus heutiger Perspektive kaum noch vorstellen, dass es damals mehr als unschicklich war, als katholischer Christ an einem evangelischen Gottesdienst teilgenommen zu haben.

So war es zu dieser Zeit auch recht auffällig, wenn Liesel bei „einem Evangelischen“ über Jahre hin Orgelunterricht nahm, nämlich bei dem aus Rotterdam stammenden Konzertorganisten, Komponisten und Reinoldi-Kantoren Gerard Bunk (1878-1958). Als Lehrer stellte er eine mehr als erstklassige Adresse dar. Die aktive Organistin Liesel Kreienbaum gerät heute immer noch ins Schwärmen über ihren Lehrer. Und das tat sie auch bereits zu einer Zeit, in der seine spätromantischen Kompositionen völlig aus der Mode gekommen waren. Heute sind Bunksche Werke jedoch nicht nur in Fachkreisen wieder sehr gefragt.

Gerard Bunk & George Gershwin - Feedback eines Zeitzeugen: Prof. em. Klaus E. Müller

"Lieber Herr Kleine, Ihr Artikel über den Organisten Bunk hat mich sehr berührt. Ich besuchte von 1946-49 das humanistische Gymnasium Laurentianum in Arnsberg. Bunk war unser Musiklehrer. Wir wollten ihm, der uns mit Bach zu traktieren pflegte, gewissermaßen eine Falle stellen und baten ihn, uns doch mal die Rhapsodie in Blue von Gershwin vorzuspielen. ... Zu dem Ansinnen kam es, weil wir in unserer Klasse einen hervorragenden Jazzpianisten hatten (mit zwölf Jahren!) ...

Bunk setzte sich mit unbewegtem Gesicht an den Flügel und spielte die Rhapsodie brillant von vorne bis hinten - aus dem Kopf! ... Er war wirklich ein eindrucksvoller Bursche - in seinem Fach hochkompetent, als Lehrer absolut unkonventionell und von fast jungenhafter Fröhlichkeit.

Herzliche Grüße, Ihr Klaus E. Müller" 

Bunk zog es nach seinem Klavierstudium in Rotterdam und Bielefeld in die Bier- und Stahl-Stadt Dortmund. Die Idee, sich in Dortmund niederzulassen, entstand durch einen mehr als glücklichen Umstand: 1910 sprang er kurzerhand für den verhinderten Karl Straube auf dem sog. Reger-Fest in St. Reinoldi ein. Der Komponist Max Reger spielte mit dem jungen Gerard Bunk im Wechsel auf der ein Jahr zuvor gebauten und zukunftsweisenden Riesenorgel der Firma Walcker. Reger war nach dem Konzert von dem niederländischen Nachwuchstalent derart beeindruckt, dass er ihm kurzfristig am Dortmunder Musik-Konservatorium eine Dozentenstelle für das Fach Klavier vermitteln konnte.

Die Reinoldi-Orgel faszinierte Bunk. Seinen eigenen Worten zufolge machte er es sich zum Lebensziel, Organist genau dieser Orgel werden zu wollen. Allerdings sollte sich dieser Wunsch erst 1925 erfüllen, da die Orgelbank „noch besetzt“ war. Als Kantor der Reinoldi-Gemeinde machte er sich dann landesweit durch seine berühmten "Orgelfeierstunden" und zahlreichen Rundfunkübertragungen einen Namen. Hinzu kam eine rege Konzerttätigkeit als Organist und Klavierbegleiter bekannter Solisten.

Die bislang unveröffentlichten Fotos zeigen Bunk 1942, noch einige Zeit vor seinem großen Schicksalsschlag: In den Kriegsjahren 1943/44 verlor er seine über alles geliebte Walcker-Orgel. Das war deshalb umso bedauerlicher, als nach einer ersten Teilzerstörung von Orgel und Kirche das wertvolle Instrument noch hätte ausge-lagert und gerettet werden können. Alle energischen Bemühungen Bunks scheiterten. Vielleicht schadete ihm hierbei seine mitunter deutliche politische Reserviertheit gegenüber dem Nazi-Regime ebenso wie der Umstand, eine Zeit lang auch Organist der Dortmunder Synagoge gewesen zu sein. Erst 1958 sollte Bunk – kurz vor seinem Tode – wieder ein würdiges Instrument derselben Orgelfirma erhalten, das seinen entwickelten Klangvorstellungen entsprach, die er bereits 1939 im neuen Rückpositiv der dann vernichteten Orgel realisierte.     

Thema Bunk-Orgel: Infos zur vom Abriss bedrohten und einzigen noch bestehenden Orgel, die Bunk konzipierte

Bereits 1939 ließ Gerard Bunk am Vorgängerinstrument von 1909, das den Bombenangriffen nicht standhalten sollte, ein neobarockes Rückpositiv durch die Firma Walcker installieren. Dessen Disposition lautete folgendermaßen: Gedeckt 8' - Prinzipal 4' - Schwiegel 2' - Quinte 1 1/3' - Cymbel 3f - Regal 8'

Bis zur Realisation der neuen großen Nachkriegsorgel in St. Reinoldi brachte Bunk zwei weitere neobarocke Walcker-Projekte in Dortmund engagiert voran.

Ab 1952 stand Bunk eine von ihm disponierte neue große Orgel (III/64) der Firma Walcker im sog. Goldsaal der Westfalenhallezur Verfügung, die er als "Hausorganist" intensiv nutzte. 1984 wurde sie in Einzelteilen verkauft und erklingt heute größtenteils in verschiedenen neuapostolischen Kirchen - so auch in Herford.

1953 erbaute Walcker ein kleines Interimsinstrument (18/II) in der zum Teil wieder errichteten Reinoldi-Kirche, das 1956 in die wieder vollständig aufgebaute Kirche versetzt wurde. Dieses Instrument bezeichnete der Reinoldi-Kantor gerne als seine "kleine Bach-Orgel". 

mehr unter "Orgelinitiave" mit weiteren Dokumenten zu Gerard Bunk                                                                                              

                                                                                                                                       

Ungeachtet aller Bekanntheit blieb Bunk ein humorvoller Mensch mit Bodenhaftung. Klara Eisenberger erzählt immer wieder gerne von der Begebenheit, wie sie in St. Reinoldi gemeinsam mit ihrer älteren Schwester neben der Orgelbank stand und die große Orgel durch den Meister selbst vorgeführt bekam. Natürlich hatte er einen riesigen Spaß daran, ihr den Bären aufzubinden, dass das echoartig klingende und sich auf dem Kirchendachboden befindliche Fernwerk der Reinoldi-Orgel in der benachbarten Marienkirche befinden würde. Als kleines Mädchen nahm ihm Klara diese Mär bedenkenlos ab, wusste jedoch damals bereits:

Gerard Bunk hatte Witz.  (mpk)  

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Hinweis: Die Rechte an diesen bislang unveröffentlichten Fotos von Gerard Bunk (ca. 1942) wurden dem Herausgeber dankenswerterweise durch die genannte Bunk-Schülerin und praktizierende Organistin Liesel Kreienbaum aus Werne/Westf. übertragen. 

                                   

                                                                                                                              

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