Journal für Orgel, Musica Sacra und Kirche

                   ISSN 2509-7601

 

                                                                                                                          

 

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Quandtarde 32' - Die Domorgeln zu Speyer und das laute Schweigen der Quandts        

Wer kennt schon die Quandtschen Minenopfer nach dem II. Weltkrieg  

Das laute Schweigen der Quandts: So könnte man es gewiss mit einem Stilmittel formulieren, denn gerne wird in der deutschen Kirchenmusikszene der Umstand tabuisiert, dass im Dom zu Speyer ein weiteres Instrument (Orgelbau Seifert IV/87) entstanden ist, dessen Finanzierung durch die deutsche Industriellenfamilie Quandt mit - unterdessen verzinsten - 1,8 Millionen Euro als ethisch höchst umstritten gelten kann. Die Vorbehalte gegenüber der Art und Weise, wie die genannten Sponsoren - abseits des immer wieder multiplizierten BMW-Mythos - ihren während des 2. Weltkriegs und vor allem auch danach mittels Waffenproduktionen aufgehäuften Reichtum offenbar wenig aufzuarbeiten bereit sind, mögen ebenso wenig von der Hand zu weisen sein wie der Eindruck, dass sie bis heute zynisch mit den Betroffenen kommunizieren.  

Interessierte mögen sich als Einstieg die preisgekrönte und über fünf Jahre recherchierte NDR-Dokumentation "Das Schweigen der Quandts" zu Gemüte führen.   

http://video.google.com/videoplay?docid=-5546132702405608270  

Zwangsarbeiter, Waffenproduktion und habitualisierte Verdrängung 

Das unangenehme Miteinander von Kapital und Kirche muss zwar nicht verwundern, die Causa "Domorgel Speyer" mutet jedoch abstoßend an, wenn bedacht wird, dass das verwendete Geld mittelbar durch die Schreie bleivergifteter Geschundener während des 2. Weltkriegs und die weniger bekannte, aber erhebliche Rüstungsproduktion im Nachkriegsdeutschland erwirtschaftet wurde.   

Bemerkenswert bleibt, dass sich bezüglich der Vergangenheitsbewältigung in der letzten Zeit - abgesehen von ganz andersartigen Pressemeldungen - nicht wirklich viel Neues ergeben hat und vor allem eines gepflegt wird: habitualisierte Verdrängung. O-Ton des Dombauvereins: "Übrigens: Die beiden Speyerer Orgeln werden durch eine bereits 1998 erfolgte Schenkung der Industriellenfamilie Quandt finanziert." Mehr nicht. 

Die Verantwortlichen im Bistum Speyer geraten hier wohl unweigerlich mitsamt ihrer Musica ohne zwingenden Grund in eine äußerst skandalöse Lage und müssen sich nach ihrem Auftrag fragen lassen.

Geschmacklose Registerbezeichnung "Quandtarde"                                                                                                                                       Indes verrät die äußerst geschmacklose und völlig indiskutable Bezeichnung des lauten und martialisch klingenden Pedalzungenregisters 32' (ursprünglich als "Contraposaune" vorgesehen) mit dem Namen "Quandtarde" vermutlich etwas über das tumbe Niveau des örtlichen Diskurses, zumal die Quandtschen Rüstungswerke des 2. Weltkriegs nicht nur Batterien, sondern auch Schusswaffen und Munition herstellten. Das in diesem Zusammenhang inhaltlich erschreckende Klangbild der Quandtarde 32' ist im YouTube-Clip anhand eines grundsätzlich vergleichbaren Tonbeispieles wahrzunehmen.                                                                                                                            

Am 17. April 2011 wurde dem Vernehmen nach auf der offiziellen Internetseite des Bistums Speyer der Registername Quandtarde 32' zugunsten der neutraleren und herkömmlichen Bezeichnung Contraposaune 32' wieder geändert.

Bis heute fehlen augenscheinlich inhaltliche Einlassungen des Bistums zur ethisch problematischen Großspende der Familie Quandt. Auffällig ist jedoch, dass nunmehr explizit auf Helmut Kohl verwiesen wird, der seinerzeit die Spende arrangiert haben soll.  

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Eine kleine Anmerkung zu diversen Kommentaren ...   

Hier das Beispiel einer anonymen E-Mail, die - ebenso wie die YouTube-Kommentare - die sog. Schlussstrichmentalität oder auch schlichte Kategorienfehler gut veranschaulicht und deswegen auch ausdrücklich erwähnt werden soll:

"Betreffs Ihrer Kommentare zur Speyrer Domorgel möchte ich doch fragen, ob Ihr angegebenes Geburtsdatum 1964 stimmt. 1924 würde nach meinem Eindruck besser passen. Ihre Einlassungen über die KZ-Häftlinge im Bezug auf die Orgel sind in heutiger Zeit grotesk und tragen die Züge eines Ewiggestrigen. Vermutlich haben Sie nie auf einer so großen Orgel spielen können und sind vielleicht nur neidisch. Übrigens; haben Sie sich einmal gefragt, wie die Gelder zum Bau des Speyrer Domes seinerzeit zustande gekommen sind?"              

In diesem Zusammenhang mag angemerkt werden, dass in derlei Worten der eigentliche Skandal liegt, denn sie sind offensichtlich weder singulär noch dem Weltbild des Sven Quandt (s.u.) unähnlich.  zu weiteren aktuellen Kommentaren

                                                                                                                               Wenig bekannt: die Minenopfer nach dem II. Weltkrieg           

Auf das Millionengeschäft mit der Landmine DM-31 nach dem 2. Weltkrieg (offenbar von der Quandtgruppe 1962-67 in Karlsruhe gefertigt, sie zeichnet sich u.a. durch drei- bis vierhundert Stahlsplitter aus!) soll hier wenigstens mit diesem erschreckenden Zitat eingegangen werden: "Die Metallsplitter des Minenkörpers haben einen Wirkungsbereich von etwa einhundert Metern rund um den Detonationspunkt und wirken gegen Menschen und ungepanzerte Fahrzeuge. Innerhalb eines Radius von sechzig Metern ist bei ungeschützten Personen mit zu fünfzig Prozent tödlichen, bis einhundert Metern mit schweren bis leichten Verletzungen zu rechnen." Diese Mine wurde auch in die sog. Dritte Welt exportiert.  mehr über die Quandtsche Rüstungsproduktion der Nachkriegszeit      

Zynismus pur   

Angesichts der Kriegs- und Nachkriegsfakten bleibt im negativen Sinne die höchst beachtliche und zugleich markierende Einlassung des Sven Quandt unübertroffen, die augenscheinlich die Konzerngeschichte vor 1945 zynisch zu fokussieren versucht: „Und wir müssten endlich mal versuchen, das zu vergessen. Es gibt in anderen Ländern ganz ähnliche Dinge, die passiert sind, auf der ganzen Welt. Da redet keiner mehr drüber.“ 

Jubilus in unaufgelöst dissonanter Polyphonie mit Requiem aeternam
 

Weder Bischof Karl-Heinz Wiesemann noch der neue Domorganist Markus Eichenlaub werden es vermutlich angesichts dieser grotesken Tabuisierung verhindern können, dass allen reflektiert singenden Gottesdienstteilnehmern zukünftig das Halleluja im Halse stecken bleiben könnte. Das theologische Konstrukt der Erbsünde erhielte hier abseits der oft unglücklichen Rezeption einen ganz neuen Input, zumal die ursprüngliche Denkrichtung betont wird: Wir sind kollektiv in Schuld verstrickt.

Es drängt sich letztlich der Eindruck auf, dass man sich in Speyer zugunsten netter neuer und vor allen Dingen modischer Orgelklänge für ursprünglich drei Millionen D-Mark den Schneid hat abkaufen lassen. Ohne eine sichtbare und kirchlich kommunizierte Metanoia der Sponsoren wird die Angelegenheit für alle Beteiligten augenscheinlich nur dumm ausgehen können: für die Domgemeinde und damit für die ohnehin stark gebeutelte Kirche, für die Musiker vor Ort, für den Orgelbauer und selbstverständlich auch für die Sponsoren selbst. Jedes halbwegs funktionierende Harmonium wäre besser gewesen, denn das intakte Vorgängerinstrument von 1961 wurde nach Białystok (Ostpolen) abtransportiert. 

Bleikoliken im Spannungsfeld des christlichen Ethos    

In summa betrachtet erhält die neue Domorgel zu Speyer durchweg das Prädikat: Geht nicht! Im Spannungsfeld des christlichen Ethos muss zudem nach dem Schamgefühl der Entscheidungsträger gefragt werden.  

Vergessen wir nicht: Die wahren Sponsoren der 5278 Pfeifen dürften die ausgebeuteten Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter sein. Einige wenige leben noch. Übrigens kalkulierte dem Vernehmen nach der Wehrwirtschaftsführer Günther Quandt im firmeneigenen und von SS-Mannschaften bewachten KZ-Lager Hannover-Stöcken 80 Tote pro Monat ein. Gemeint sind die "Arbeitssklaven, die in der Akkumulatorenproduktion unter barbarischen Bedingungen ohne Schutzkleidung die giftigen Dämpfe der warmen Bleimasse einatmen und selbst von Bleikoliken geplagt weiter schuften mussten" (René Del Fabbro).   

Jeder Speyerer Jubilus gerät in die unaufgelöst dissonante Polyphonie eines jeweils mitgehörten "Requiem aeternam dona eis, Domine". Ja, es sind Schreie zu hören.  

Matthias Paulus Kleine                                                                                                            

                                                                                                                   

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