Journal für Orgel, Musica Sacra und Kirche

                   ISSN 2509-7601

 

                                                                                                                                                        

                                                                                                                                         

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Themenseite:                                                                        Trost-Orgel Waltershausen - Dispo, Demos und Details               

Vorwort 

Bei der Betrachtung, was heute grotesker Weise als Ergebnis "modernen Orgelbaus" multipliziert, ja vielleicht auch diktiert wird, kann man in Tobias Heinrich Gottfried Trost geradezu einen Visionär kreativ gestalteter Orgeln sehen. Insofern hat Trost ein gerüttelt Maß an Aufmerksamkeit verdient: Bemerkenswert wirkt seine Innovationskraft, die offensichtlich nicht nur von Johann Sebastian Bach höchstpersönlich geschätzt wurde. Derlei Wagemut scheint heute zu fehlen. In harten Zeiten (und machen wir uns da bitte nichts vor: die wirklichen kommen kurzfristig), in denen ein nicht unbeträchtlicher Teil der deutschen Orgelbauer berufliche Alternativen wird finden müssen, hat man zu derlei Experimentierlust sicherlich keine Nerven. Fassen wir zusammen: Tobias Heinrich Gottfried Trost - ein Mann weit abseits des spießigen Orgelbaus.  (mpk)         

Bach Organ Works - Free Download  

James Kibbie: Bach Organ Works for free "This website offers free downloads of the complete extant organ works of Johann Sebastian Bach, recorded by Dr. James Kibbie from 2007 to 2009 on original 18th-century organs in Germany."                            

Höchst honorig: Bach bis zum Abwinken im guten 256er MP3-Format an bedeutenden historischen Orgeln - und das alles kostenfrei. Die künstlerische Qualität ist freilich noch besser: "James Kibbie plays with surpassing clarity, brilliance and magnificence." (Ars Organi) 

Die Aufnahmen fanden an historischen Orgeln mit sehr unterschiedlicher Akustik statt, die von sehr trocken (Großengottern) über mäßig trocken (Waltershausen) bis zu sehr lebendig (Dresden) reichen. Erwähnenswert bleibt in diesem Zusammenhang die folgende Bemerkung: "No digital reverb was added. All recordings have the sound exactly as recorded live, no digital manipulation of any kind."  mehr

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CDs und weitere Hörbeispiele    

 

1. Details einer bemerkenswerten Stimmung (Leserbeitrag)

In Waltershausen liegt eine Rekonstruktion weitgehend lokaler Vorlagen vor. Das Instrument dürfte in seiner Geschichte nach Trost wenigstens zwei Male infolge von einschneidenden Umbauten umgestimmt worden sein: Michael Hesse 1853-1855 und Hugo Böhm 1896 versuchten, mit der ursprünglich sehr hoch stehenden Orgel (ca. 465 Hz bei 15°C) durch ein Abschneiden und Rücken an die 440 Hz heranzukommen. Hesse nun hatte außerdem den OW-Principal 4' auf 8' verlängert, was die oberste im Prospekt stehende Oktave des alten Principals arbeitslos machte und sie fürderhin unberührt ließ, weshalb sich hier Rückschlüsse auf die ursprüngliche Stimmtonhöhe und auch erste Einsichten in die intendierte
Temperierung der Vor-Hesse-Zeit ableiten ließen. Weitere Informationen gewann man aus Döllstedt, Eisenberg und den von Ulrich Dähnert (Acta Organologica 20) herausgegebenen intensiven Altenburger Verhandlungen mit Trost zur Temperaturfrage.          

                                                                    
Trost stimmt offenbar nicht immer gleich nach irgendeiner Werkstattstimmung, sondern ging systematisch auf die Wünsche seiner Kunden ein. Seine Stimmungsart folgt daher keiner dezidierten Vorlage, sondern bedient sich überall, d. h. er mischt ziemlich reine bis pythagoräische Terzen mit mitteltönigen, gleichstufigen, reinen und weiten Quinten (697-703 Cent).

Dabei ergibt sich in der aktuellen Rekonstruktion der Waltershäuser auf der originalen Stimmtonhöhe des Instrumentes folgendes Schwebungsgebilde: 

Detaillierte Stimmungsangaben der Trost-Orgel zu Walterhausen                                  
Der Fachmann sieht, dass dem ganzen Gebilde eine 1/5-Teilung des
pythagoräischen Kommas zugrunde liegt, man also der Mitteltönigkeit ähnlich nahe ist, wie man das wohl auch für Gottfried Silbermann oder Arp Schnitger postulieren kann. Der Rest entspricht den Erfordernissen der Terzenwelt. Kirnberger III stammt von einem etwas anders denkenden Musiker.

Interessant ist in Waltershausen für den Akustiker, dass Trost trotz des maßlosen Ärgers, den er sich mit der Orgel einfing, sichtlich schon anhand der Architekturpläne sehr genaue Vorstellungen davon hatte, wie 'es' in dieser Kirche einmal klingen würde, was das teilweise verwegene Aufblasen der 8'- und 16'-Lage in diesem ja eher kleinen Raum erklärt, in dem sich "der Schall aber gerne verschleicht", wie ein Orgelbauer vor Jahrzehnten sagte.

(aus einem Leserbeitrag, redaktionell überarbeitet, Name der Red. bekannt, Herzlichen Dank!)                                                                                                                                                                                                                     
               
2. Disposition   

o = originale Register, max. 5 Töne ergänzt; t = teilrekonstruierte Register, mehr als 5 Töne ergänzt; r = rekonstruierte Register; T = Transmissionen der Töne C-c1 vom Hauptwerk ins Pedal                                                                                                      

II Hauptwerk C–c3  

Portun-Untersatz 16′  o  
Groß Qvintadena 16′  o  
Principal 8′  o  
Gemshorn 8′  o  
Viol d’Gambe 8′  o  
Portun 8′  o  
Qvintadena 8′  o  
Unda maris 8′  o  
Octava 4′  o  
Salicional 4′ (trichterförmig)  t  
Röhr-Flöta 4′  t   
Celinder-Qvinta 3′  o    
Super-Octava 2′  t   
Sesqvialtera II  o   
Mixtura VIII  r   
Fagott 16′  r   
Trompetta 8′  t   

I Brustwerk C–c3  

Gedackt 8′  o   
Nachthorn 8′  t  
Principal 4′  o  
Flöte douce 4′  o  
Nachthorn 4′  r  
Gemshorn 4′  t  
Spitz-Qvinta 3′  o  
Nassad-Qvinta 3′  t  
Octava 2′  t  
Sesqvialtera II  o  
Mixtura IV  t  
Hautbous 8′  t 
Tremulant  

III Oberwerk C–c1  

Flöte Dupla 8′ (konisch/offen - Holz, zylindrisch/gedeckt - Metall)  r  
Vagarr 8′ (keine Angaben)                                                                      
Flöte travers 8′  r  
Liebl. Principal 4′  o 
Spitzflöte 4′  o 
Gedackt Qvinta 3′  r  
Wald-Flöte 2′  o  
Hohl-Flöte 8′  o  
Vox humana 8′  r 
Geigen-Principal 4′ (s. Besonderheiten)  o  

Pedal C–d1  

Groß Principal 16′  o  
Sub-Bass 16′  o  
Violon-Bass 16′  o  
Octaven-Bass 8′  o   
Celinder-Qvinta 6′  r      
Posaunen-Bass 32′  r  
Posaunen-Bass 16′  o  
Trompetten-Bass 8′   o  
Qvintadenen-Bass 16′  T  
Viol d’Gamben-Bass 8′  T  
Portun-Bass 8′  T  
Super-Octava 4′  T  
Röhr-Flöten-Bass 4′  T 
Mixtur-Bass VI  T 

III/I (Hakenkoppel), II/I (Schiebekoppel), II/P (Hakenkoppel), I/P (Windkoppel), Sperrventile, Tremulant zu allen Manualen, 2 Cimbelsterne,  
Calcant  

(red. überarbeitete Dispositionsangaben nach Wolf/Zepf s.u.)                                                                                                                                                      3. Besonderheiten                                                                                                                                               
Hauptwerk: Salicional 4’ trichterförmig; Unda maris 8’ doppelte Pfeifenkörper aus Holz mit gemeinsamer Rückwand und Kernkammer:
Oberwerk: Geigenprinzipal 4’ hat eigenen Ventilkasten im BW über dem Spieltisch und ist an das Oberwerk zu koppeln (Hakenkoppel; Anm. d.Red.); Hohlflöte 8’ und Vox humana 8’ stehen auf einer gemeinsamen Schleife, seit 1998 getrennt.
Nebenzüge: Kanaltremulant für alle Manualwerke; 2 Zimbelsterne (Glocken von Trost in g-h-d-g und c-e-g-c); Calcant; Sperrventile zur Trennung von Manual- und Pedalwind
Koppeln: Oberwerk/Hauptwerk; Brustwerk/Hauptwerk; Brustwerk/Pedal; Hauptwerk/Pedal
Umfang: C-c3 (Manuale); D-d1 (Pedal)
Windversorgung: Vier große Bälge (1998: Getriebemotoren für Kalkantensimulation; Schöpfer für manuellen Betrieb. Kanäle mit Trennschieden für Maual- und Pedalwind); Winddruck 73 mm WS (1998)
Stimmtonhöhe (1998): Chorton, a1 = 466.8 Hz; Temperatur (1998): wohltemperierte Ausnahmestimmung (1/5 pythagoräisches Komma)“

(Quelle: Christoph Wolff/Markus Zepf: Die Orgeln Johann Sebastian Bachs. Ein Handbuch, Leipzig 2006, S. 138 (Hervorhebungen durch d. Red.))           

4. Einschätzungen 

"Wie bedeutend die Waltershäuser Trost-Orgel ist, beweist allein die Tatsache, daß sie in vielen Orgeldispositionssammlungen des 18. und 19. Jahrhunderts Beachtung fand. Sie ist nicht nur die größte Barockorgel Thüringens, sondern mit ihrer Gravität und ihrer ernormen Farbenpalette in den Grundstimmen ein Instrument, bei dem viele klangliche Prinzipien verwirklicht wurden, die wir auch mit Bach in Zusammenhang bringen können. Sie gehört zweifellos zu den absoluten Höhepunkten spätbarocker Orgelkunst in Mitteldeutschland (Felix Friedrich)."
(Prof. Gerhard Weinberger - Booklettext der CD (cpo 999756-2) „Bach – Organ Works Vol. 10 – Gerhard Weinberger“, S. 12)

"Ich kenne das Instrument und mag es sehr - trotz seiner abstrusen Pedal"norm". Beim Legen der Temperatur ging es nicht um in Cent-Tabellen verpackte Ideologie ("historische Stimmung für ein thüringisches Provinznest nach Johann Elias Stimmkrücke VII"), sondern um guten Klang. Die jungen Leute vom Orgelbau Waltershausen haben einfach etwas experimentiert, bis es sich gut anhörte. Und das tut es. Der Witz an der Sache: Mit den sehr breiten, vollen Prinzipalen klingen sogar Mendelssohn und seine Zeitgenossen und Nachfolger bis hin zu Rheinberger - besser als auf mancher Spät- oder Neoromantikerin oder aktuellen Pseudo-Cavaillé-Coll-Verschnitten." (organoedus senior - orgelforum.de)

"Als Instrument wurde die berühmte Trost-Orgel von 1730 in der Stadtkirche von Waltershausen (bei Gotha) in Thüringen ausgewählt (46 Register + 6 Transmissionen), deren Disposition und Klangbild nach dem neuesten Stand der Bach-Forschung dem Klangideal Bachs im Vergleich mit anderen erhaltenen Orgeln seiner Zeit derzeit wohl am ehesten entspricht. ... Die Stadtkirche "Zur Gotteshilfe" stellt einen sehr reizvollen Raum für diese Orgel dar und verfügt u. a. über ein bedeutendes Deckengemälde. Die Akustik ist mit ca. 1, 5 sec. recht trocken, was der Transparenz des Orgelspiels entgegenkommt. ... Die Registrierung spiegelt Bachs Vorliebe für bestimmte Register und für die "Gravität" des Klanges wieder. So verleihen die Sesquialteras in Haupt- und Brustwerk, die beiden 16'-Labiale im Hauptwerk (die Zungen Fagott 16' und Trompetta 8' sind zu schwach, um den Plenoklang deutlich zu verändern), die Streicherklänge (Viol d' gambe, Gemshorn, hier auch Nachthorn), die quintierenden Register (Quintatön, Spitzquinta, Nassad Quinta), die Terzmixturen sowie die 32'-Posaune im Baß dieser Aufnahme einen neuartigen, bisher noch nicht gehörten Klangcharakter." (Hans-André Stamm - eufonia.de)

"Die Orgel der Stadtkirche wurde 1724-30 von Heinrich Gottfried Trost erbaut, jedoch nicht ganz von ihm vollendet. Die Fertigstellung erfolgte vermutlich um 1755 durch den Orgelbauer Johann Heinrich Ruppert. Das Instrument ist die größte erhaltene Orgel der Barockzeit in Thüringen und hat einen sehr hohen Bestand an originaler Substanz. Es gilt als eines der wichtigsten Instrumente für die Orgelmusik von Johann Sebastian Bach und seinem Umfeld. Die Orgel wurde im Laufe der Jahrhunderte verhältnismäßig geringfügig verändert. Bei einer grundlegenden Restaurierung durch die Orgelbau Waltershausen GmbH in den Jahren 1994-98 wurde das Instrument wieder auf den Originalzustand von H. G. Trost zurückgeführt." (Ev.-Luth. Kirchgemeinde Waltershausen - trost-orgel.de) 

"… Gott gebe demjenigen welcher nach mir wiederum hieran zu thun hat, auch so viel Gedult, als ich mit diesem complicirten Werk hatte haben müssen…". (Michael Hesse - trost-orgel.de)  

"Tobias Heinrich Gottfried Trost (1679/81-1759) gilt heute als der bedeutendste thüringische Orgelbauer zur Zeit von Johann Sebastian Bach. Zusammen mit dem nahezu gleichaltrigen, im benachbarten Sachsen tätigen Gottfried Silbermann schuf er die herausragendsten Orgeln dieser Kunstepoche in Mitteldeutschland." (Verlagsgruppe Kamprad - vkjk.de)                                                                                                                                                                                           

5. Bücher (Online-Bestellmöglichkeit - auch von CDs: suptur-shop.de)  

Friedrich, Felix
Die Orgeln von Tobias Heinrich Gottfried Trost

Verlag Kamprad
Umfang: 52 S., 26 vierfarb. Abb. - 21 x 14,8 cm, Paperback  
ISBN-13: 978-3-930550-17-3,  8 €  

Heinke, Theophil                                                                                               Die Trost-Orgel und Stadtkirche Zur Gotteshilfe Waltershausen 
Festschrift zur Orgelweihe und dem 275-jährigem Bestehen der Stadtkirche Waltershausen, 5 €                                                                                                 

                                                                                                                                         

                                                                                                                                

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