Journal für Orgel, Musica Sacra und Kirche

                   ISSN 2509-7601



Sind Judith Klaiber, Erzbischof Carlo Maria Viganò und Gerhard Ludwig Kardinal Müller Verschwörungstheoretiker?

Betrachtungen zur Grammatik des Scheiterhaufens

Laut „Bullshit“, dem genialen Essay des amerikanischen Philosophen Harry Frankfurt, kann man angesichts eines Sachverhaltes stets diese Fragen stellen: Wo ist hier Wahrheit? Wo ist hier – mit einem Interesse an der Wahrheit, aber sie negierend – Lüge? Und wo ist hier – ohne jegliches Interesse an der Wahrheit und sie folglich völlig entwertend – Humbug bzw. Bullshit, mit dem sich der Produzent lediglich in Szene setzen möchte?

Frankfurts Koordinaten seien vorweg zitiert, um Dinge des Alltags zeitsparend zu ordnen. Mein Tipp: Fangen Sie gleich bei diesem Text damit an und behalten Sie Frankfurts Fragen bitte bei der Lektüre stets im Hinterkopf. (Das muss nun als MuTh-Mini-Rezension von „Bullshit“ reichen, dieses Büchlein ist genial, galant und günstig.)

Nun zum Thema: Das Wort Verschwörungstheorie ist derzeit mächtig in Mode. Zumindest im Diskurs der sog. Zivilgesellschaft. Und das inmitten der Corona-Krise. Kanzlerin Angela Merkel würde eher sagen: zu Beginn der Corona-Krise. Ja, da gebe ich ihr Recht. Ich bin bekennender Maskenträger und habe einen gehörigen, aber möglichst vernunftbetonten Respekt vor dieser Mikrobe namens Corona.

Verschwörungstheorie & Alltag

Seit Jahren begegnen mir Verschwörungstheorien in beruflichen Gesprächen, vereinzelt auch im Bekanntenkreis. Zunächst wusste ich nicht angemessen zu reagieren; da ich ein sensibler und höflicher Mensch sein möchte, reagierte ich in der Regel zunächst mit empathischem Kopfnicken. Um mich dann abzugrenzen und das Gespräch zu steuern, verblieb ich eher bei einer Mischung aus floskelhaft Hilflosem und dem Beratungssprech wie „Ich weiß nicht recht, was ich jetzt davon halten soll … Verstehe ich Dich richtig, wenn Du damit sagen willst, dass …“ Nun, mit zunehmender Übung ignorierte ich oder bezog argumentativ deutlich Stellung, wenn ich mit den neuesten kruden Theorien zum 11. September konfrontiert sah. Ein Textbaustein lautete: „Überprüfen Sie bitte noch einmal, ob Ihre Quellen seriös sind!“

Verschwörungstheorie & Ambivalenz

Im Laufe der Zeit bemerkte ich, dass das Spannungsfeld jedoch recht ambivalent ist:

1. Zweifelsohne gibt es Verschwörungstheorien, über die einen konstruktiven Diskurs zu führen recht anstrengend sein kann.

2. Verschwörungstheorien arbeiten mit der Suggestion von Geplantem, von Geheimem und linearen Zuschreibungen bezüglich der Kausalitäten. Das ist meine eigene Analyse. Ich denke, dass sie mit vielen Sichtungen versierterer V-Theoretiker der V-Theorien kompatibel ist.

3. Die mögliche Diagnose einer Verschwörungstheorie ist terminologisch per se bereits so engführend und phänomenologisch exklusiv, dass manche Verschwörungstheorien per definitionem gar keine Verschwörungstheorien darzustellen scheinen. Sie sind indes überraschende Hypothesen oder Ideologeme und berühren zuweilen Zonen des Esoterischen.

4. Oftmals werden die weitere Aspekte und Nuancen der dargebotenen Thesen übersehen.

5. Im Vorhalt einer Verschwörungstheorie sehe ich mitunter ein Argumentum ad hominem, das den Vortragenden entwerten soll.

6. Wenn ich eine These nicht erörtern und den Diskurs verweigern möchte, nenne ich sie Verschwörungstheorie. Die argumentative Auseinandersetzung findet oftmals nicht statt.

7. Der Einsatz des Wortes Verschwörungstheorie generiert Macht und sichert Deutungshoheit.

Viganò-Aufruf & Kardinal Müllers prominente Unterschrift

Nun spricht alle Welt über Kardinal Müller und seine prominente Unterschrift auf dem Viganò-Aufruf „Veritas liberabit vos!“ Insbesondere am Terminus „Weltregierung, die sich jeder Kontrolle entzieht“ („world government beyond all control“) nimmt man Anstoß, da er bei zahlreichen Rezipienten Verschwörungstheoretisches in mächtiger Dosierung triggert. Der interessierte Leser kann sich hier ein eigenes Bild machen:

https://veritasliberabitvos.info/aufruf/  

https://www.katholisch.de/artikel/25491-mueller-zu-vigano-aufruf-jetzt-zurueckzuziehen-waere-die-feige-variante

Ehrlich gesagt, ich verstehe die Aufregung über diesen Aufruf nicht vollumfänglich. Sie scheint mir auch hermeneutisch subkomplex zu sein. Müllers und Viganòs Welt muss man theologisch deklinieren können, ich ordne beide Herren den späten Vertretern eines katholischen Integralismus zu. Dass meine Welt eine gänzlich andere ist, spielt dabei keinerlei Rolle. So what? Den Verantwortlichen muss das elementare Recht zugesprochen werden, den Aufruf zu veröffentlichen und eine nach ihrer Sicht der Dinge notwendige größere Autonomie der Kirche anzumahnen. Wenn sie Argumentationen nutzen, die nicht nachvollziehbar sind, dann kann ich dagegen argumentieren und es besser machen. Mon Dieu, das ist bitteschön dialektisch auszuhalten.

Staatskirche & Renitenz

Sympathisch finde ich bei allem möglicherweise Verwerflichen an Viganòs Aufruf – und jetzt wird’s politisch inkorrekt – die kirchliche Renitenz gegenüber staatlichen Verordnungen. Kirche hat sich meines Erachtens in der Corona-Krise auch zum Teil hinter dem Gottesdienst-Streaming versteckt und ich frage mich, ob das Aussetzen aller öffentlichen Gottesdienste nicht auch eilfertig und subordinierter Natur war. Es leuchtet mir nicht ein, dass man nicht mit geringeren Besucherzahlen die elementar wichtige hygienische Sicherheit wie zum Beispiel in Baumärkten hätte gewährleisten können.

So ist in dieses Spannungsfeld die weiterreichende Kritik der Theologin Christine Lieberknecht grosso modo miteinzubeziehen, denn Gottesdienste sind nur ein Teilaspekt. Kurzum: Kirche wirkt auf mich zuweilen staatskirchlich übermotiviert.

https://www.idea.de/frei-kirchen/detail/corona-geteilte-reaktionen-auf-lieberknecht-kritik-an-den-kirchen-112999.html

Sie merken, hier sind wir schon inmitten einer inhaltlichen Auseinandersetzung, die man fortsetzen könnte. Sie fehlt mir in der kirchlich-gesellschaftlichen Debatte. Stattdessen höre ich angesichts des Viganò-Aufrufs den monophonen Chor bigotter Heliumnasen, der entrüstet „Verschwörungstheorie“ skandiert und den Diskurs schlichtweg verweigert, anstatt begründet zu widerlegen. Aber nicht nur das.

Judith Klaiber & mögliche Verschwörungsmythiker*innen

Erschüttert bis verstört war ich nach dem Hören der Einlassungen einer jungen Theologin aus Linz, denn sie geht noch einen ganzen Schritt weiter. Sie heißt Judith Klaiber, ist dem Vernehmen nach promovierte Assistenz-Professorin an einer österreichischen Privat-Uni. Wer jetzt meint, ich würde ihr beherztes Engagement bei Twitter bewerten, der hat falsch gewettet. Das ist mir zu dumm.

Nein, Judith Klaiber war im renommierten Deutschlandfunk mit einem Interview zum Thema des Viganò-Aufrufs zu hören. Dort bedauerte sie, dass man „Viganò und Co.“ so dermaßen viel Aufmerksamkeit widme. An dieser Stelle hatte ich mich bereits gewundert.

Indes reagierte sie tatsächlich im Interview mit einer beachtlichen These, die ich für eine beinharte Verschwörungstheorie halte: „Und Viganò und Co. haben aber eben ein ganz klares Ziel, sie wollen weiterhin Franziskus als Häretiker diffamieren und stigmatisieren, und eine scheinbare marxistische Veränderung der Kirche wollen sie verhindern. Das ist ein ganz klares politisches Kalkül und ihnen ist kein Mittel tatsächlich zu schmutzig, um diesem Ziel irgendwie … auf diesem Ziel weiterhin voranzukommen.“ Hinweise oder Belege habe ich mitnichten gehört.

Der Topos einer Verschwörung (geplant, geheim und linear) gegen Papst Franziskus ist nicht neu und wird von seinen Verteidigern immer wieder vorgetragen. Eine Argumentation zugunsten der päpstlichen Optionen ersetzt er freilich kaum.

https://www.deutschlandfunk.de/verschwoerungsmythen-uralter-kampf-gut-gegen-boese.886.de.html?dram:article_id=476689

https://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2020/05/14/zukunftsperspektive_verloren_gespraech_mit_der_dlf_20200514_1636_b7b848c5.mp3

Eiskalte Strategie & Verschwörungsmythos

Das in Klaibers Intonation hörbar eifriges Augurengrinsen gefällt mir nicht. Aber die Bennenung dieses Umstandes ist zu subjektiv, ja zugegebenermaßen polemisch. Was jedoch objektiv zynisch wirkt, manifestiert sich in ihrer vorgeblichen Dekonstruktion der Vorgänge, wenn ich das recht verstanden habe: „Viganò und Co.“ bezeichnet sie als „Verschwörungsmythiker mit ihren ganz eigenen eiskalten politischen Strategien“, die Desiderate besetzen und sich dann (also offensichtlich erst in einem weiteren Schritt) „verbinden mit einer Suche nach einer religiösen Legitimation“.

Ich muss persönlich schlussfolgern, dass Klaiber den Initiatoren von „Veritas liberabit vos!“ wohl so etwas wie die Würde des Glaubens abspricht. So fällt sie ein abgrundtief vernichtendes Urteil über ihre Meinungsgegner/Diskurspartner: Es sind erstens Verschwörungstheoretiker, die zweitens mit Gott gar nichts am Hut haben.

Wie Sie sicherlich bemerken können, attestiere ich persönlich der Linzer Theologin zwar eine Verschwörungstheorie resp. einen Verschwörungsmythos, aber ich verweigere nicht den Diskurs, wie es meiner Wahrnehmung zufolge so häufig geschieht. Ihren wunderbar innovativ-diachronen Terminus Verschwörungsmythos/mythiker finde ich wirklich gut. Echt jetzt.

Tit for tat & Grammatik des totalitären Scheiterhaufens links wie rechts

In der Tat, ich kann mit der theologischen und insbesondere ekklesiologischen Sicht der Dinge von Viganò und Co. mutatis mutandis nicht viel anfangen. Die pastoraltheologische Welt von Judith Klaiber ist für mich jedoch auch keinerlei Deut besser. Meiner Wahrnehmung zufolge bereitet es Klaiber Schwierigkeiten, ihre Widersacher in die Communio sanctorum miteinzubeziehen. Klaibers Ausweichen auf die Frage nach einer kirchenrechtlichen Sanktion für Viganò und Co. wirkt beredt, denn Benedikt Schulz vom DLF spricht die Exkommunikation konkret an.

Das Zündeln mit der Grammatik des Scheiterhaufens hat eine lange kirchliche Tradition. Sie ist in jedem kirchlichen Lager anzutreffen, egal ob rechts oder links, ob konservativ oder reformerisch. Weitere gesäßgeografische Kategorien erspare ich der Leserschaft, denn: Machiavelli lebt.

Zu subsumieren wäre, dass ein gedeihliches Miteinander, ja gar Synodales nie und nimmer mit Klaibers Modus funktionieren kann. Schon gar nicht, wenn man genau das macht, was man selbst dem Gegner vorwirft. Sorry, letztendlich assoziiere ich angesichts dieses Interviews von Judit Klaiber ethische Hybris und ansprüchlich Totalitäres.

Im insinuierten XXL-Gewand von Toleranz und Diversität finden meist nur Fürsprecher Obhut. Die ernüchternd magere Substanz wird kaschiert. Wenn Viganò, Müller und die anderen Unterzeichner Verschwörungstheoretiker sind, dann stellt sich für mich die logisch konsequente Frage: Wären sie denn bei Judith Klaiber nicht in allerbester Gesellschaft?  (© mpk - Mai/Juni 2020)


                                                                                                                         

zurück