Journal für Orgel, Musica Sacra und Kirche

                   ISSN 2509-7601

                                                                                   

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                 Aspekte der Sühnetheologie: "Am Stamm des Kreuzes geschlachtet" vs. "Ich preise seinen Tod nicht"                                                                                                                                    Aus einem lesenswerten Text der katholischen Theologin und Journalistin Johanna Jäger-Sommer zur Sühnetheologie mögen im wahrsten Sinne des Wortes bedenkenswerte Gedanken zitiert sein: 

"Wir preisen deinen Tod«, singt die Gemeinde in der katholischen Messe, »wir glauben, dass du lebst, wir hoffen, dass du kommst zum Heil der Welt ...« Einverstanden - fast: Ich preise seinen Tod nicht. ... Die Antwort der herkömmlichen Theologie: Er musste sterben, weil Gott den eigenen Sohn dahingegeben hat - »geschlachtet«, wie es in einem Passionslied heißt - als Sühne für die Sünden der Menschheit. Korrespondierend damit der gehorsame Sohn, der sich leidend opfert und uns dadurch erlöst. Kann man sich einen sadistischeren Vater-Gott vorstellen? Und einen masochistischeren Sohn? ...

Und was würde eine solche Erlösung für mich bedeuten? Durch Jesu Blut, so heißt es, seien meine Sünden abgewaschen. Ohne mein Zutun, in völliger Passivität. Hat sich dadurch für mein Leben irgendetwas geändert, bin ich Gott dadurch näher? Wohl kaum. Einem solch schrecklichen Gott kann man nicht näher kommen, den kann man nur fürchten. ... Wer sich an die Seite der Verfolgten und Rechtlosen stellt, lebt gefährlich. ... Doch es war nicht der Tod Jesu, den seine Jüngerinnen und Jünger priesen, im Gegenteil: Der ließ sie verzagen und verzweifeln - bis sie zu der Glaubensgewissheit gelangten: »Jesus lebt. Er ist von den Toten auferstanden.« Aus dieser freudigen Verkündigung, dass der menschenfreundliche Gott dem Tod nicht das letzte Wort lässt, haben sich widerständige Nachfolgegemeinschaften gebildet. Und die preisen Jesu Tod nicht, sondern seine Treue sowie den liebenden Gott, der mitten in tödlichen Strukturen Leben schafft - damals wie heute." (Publik-Forum/21.03.2008)

Inhaltlicher Kontrapunkt? Prof. Dr. Thomas Söding zu Paulus und Anselm von Canterbury: "In Episode 5 unseres Audiopodcasts sowie in den Episoden 8 und 9 des Videopodcasts hat sich Prof. Dr. Thomas Söding, Professor für Neues Testament an der Katholisch-theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum, mit der Sühnetheologie auseinandergesetzt. Auf der Homepage des ..."  mehr (PDF/Video etc.)  Direktlink zum Interview-Audio-Podcast          
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Herbert Vorgrimler und Karl Rahner zum Thema Pro-Existenz: "Paulus sieht die Geschichte der Menschheit unter der Herrschaft einer personifizierten Macht, der Sünde (Röm 5 u. ö.), und mit ihr unter dem ebenfalls personifizierten Gesetz, das für Menschen unerfüllbar blieb, damit Gott sie ihrer Sünde überführen konnte, bis zum Kreuz Jesu Christi, durch das die Macht der Sünde gebrochen wurde. Paulus ist daran gelegen, diesen Vorgang als angekündigten »in den Schriften« nachzuweisen. Gleichwohl ist das »für uns« oder »für euch« eine ältere, ursprünglichere Formulierung, die sich auf die Pro-Existenz Jesu bezieht, wie der 1999 verstorbene Exeget Heinz Schürmann sorgfältig herausgearbeitet hat, so daß das »für uns«, bezogen auf den Tod Jesu, zunächst nur bedeuten mußte: So, wie Jesus sein ganzes Leben in den Dienst anderer gestellt hatte, damit es anderen zugute komme, so wollte er dieses Dasein-für-andere treu und konsequent in seinem Tod durchgehalten wissen, sein Eintreten bei dem Vater, zu dem er im Tod gehen würde, für andere, uns zugute. Schürmann reiht sich ein in eine Anzahl angesehener Neutestamentler, die darauf hinweisen, daß diese Pro-Existenz in Leben und Sterben Jesu in der ältesten Überlieferung nichts mit einem stellvertretenden Sühnetod zu tun hat, daß das Motiv des Sühnetodes vielmehr eine etwas spätere Interpretation darstellt, wobei es gar nicht darauf ankommt, daß »etwas später« nur geraume Zeit nach dem Tod Jesu bedeutet, sondern daß es eben nur eine Deutemöglichkeit unter mehreren darstellt. Diese Deutemöglichkeit hat sich Paulus rigoros zu eigen gemacht, und mit ihm von Balthasar, der nun nichts davon wissen wollte, daß es mehrere Möglichkeiten des Verstehens gab und gibt. Für ihn ist es die einzige, und die einzige allgemein gültige und verbindliche Verständnismöglichkeit."  mehr       
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Kritisches zur Theologie der Matthäuspassion "Büßen für die seligen Gebeine?" - ein Artikel von Pfarrer Frank Schuster aus Kaiserslautern:

"Lieber Johann Sebastian, deine »Matthäuspassion« darf gewiss zu den großen kirchenmusikalischen »Highlights« des vergangenen Jahrtausends gezählt werden. Ihr musik- und kulturhistorischer Wert ist unumstritten. Gerade in der Passionszeit wird sie auch heute noch vielfach und gerne gehört. Ich selbst höre mir Dein Werk nicht sonderlich gerne an. Und ich will Dir auch offen und ehrlich sagen ..."  mehr   


Ganz gewiss: Die Rede von Gott braucht Bilder. Ein weiteres Bild wurde hier durch Jäger-Sommer skizziert, weil die Archaik des Sühnegedankens - und das war in der spätantiken Sklavenhaltergesellschaft ganz und gar nicht so - heute grotesk wirkt und mitnichten überzeugen kann. Es ist das Bild der politischen Energie, die sich bei Jäger-Sommer ihre Wege sucht. Freilich vermag der hier im Grundsatz richtige, jedoch insgesamt betrachtet minderdimensionale politische Strukturgedanke nicht alle Fragen des Todes Jesu zu erklären. Er ist gleichwohl ein weiterer Baustein der Rezeption.  

Fakten und theologische Schnittmengen in aller Pluriformität                 

Die neutestamentlichen Autoren gewichten die Pro-Existenz des Jesus von Nazareth höchst unterschiedlich. Lukas und Johannes können z.B. mit dem Sühnegedanken nichts bis kaum etwas anfangen. Leider wird diese Pluriformität häufig übersehen. Oft erweist sich demgegenüber, dass vom paulinischen Stellvertretungsgedanken ausgehend ("gestorben für unsere Sünden") und der damit einhergehenden Engführung u.a. durch Tertullian (juristische Logik des "Lösegelds") in Verbindung mit der systemischen Überhöhung Anselm von Canterburys (Satisfaktionstheorie) eine erhebliche Verzerrung des christlichen Gottesbildes auf den Weg kam. Die weitere Moralisierung tat ein Übriges hinzu. Dessen weitere oft unreflektierte, kirchlich geförderte und eher schlicht-volksreligiöse Pflege ließ die Vorstellung eines archaischen, quasi mit Blut handelnden und beruhigbaren Gottes internalisieren, die sich bis heute noch in Alltagsgesprächen oder Leserbrief- und Forendiskussionen niederschlägt. Bei nicht wenigen Christen führt es zu Verletzungen und Verunsicherungen, wenn vertraute (Gesangbuch-)Glaubensbilder - und hier aus gutem Grund - hinterfragt werden.

Leider wird nicht wahrgenommen, dass sowohl die Bibel als auch die kirchliche Tradition äußerst vielschichtige Angebote der Rede von Gott bereithalten, die den befreienden Charakter der Pro-Existenz erfahrbar machen können. In diesem Zusammenhang steht die Soteriologie wieder an einem gewissen Anfangspunkt, was die derzeitige Diskussion eindringlich aufzeigt. So tröstet es erheblich, dass das christliche Bekenntnis in Form des Nicaeno-Constantinopolitanum (381) die sozusagen offene Formel "für uns" wählte - und mehr nicht. Konstruktiv scheint unter Verwendung eines Impulses von Jürgen Werbick zu sein, Jesus als archegós, als den Anführer zum Leben zu betrachten, den Gott aus der Kultur des Todes mitsamt ihrem personalen und strukturellen Herrschaftssystem gerettet hat.  

 "... Festzuhalten bleibt im Blick auf das »Kreuz mit dem Kreuz«: Jesu Tod war nicht von Gott gewollt, um irgendwelche göttlichen Rache- oder Genugtuungsgelüste befriedigen zu können, sondern war die unausweichliche Konsequenz eines Lebens, das nach den Gesetzmäßigkeiten dieser Welt dermaßen provozierend und störend war, dass es vernichtet werden »musste«. Jesu totale »Hingabe an seine Freunde« und an alle jene, die ernsthaft nach neuen, lebenswerten Perspektiven für ihr »totes« Leben suchten, macht ihn sozusagen zum »Antlitz Gottes«. Deshalb ist der Kreuzestod Jesu nicht isoliert, sondern eng mit seinem Handeln und seinen Gleichnisreden zusammen zu sehen ..." (Hartmut Meesmann)

Konstruktives und Spirituelles?

Einige Sätze aus dem Klassiker "Anleitung zum Glaubensbekenntnis" (Freiburg 1986, S. 44) des Münsteraner Pastoraltheologen Dieter Emeis können jedoch immer wieder eine gute Schnittmenge bilden, die akzeptabel erscheint und der erasmischen Forderung nach der legitimen Elementarisierung von Theologie entsprechen dürfte:

"Ich glaube nicht an einen Gott, der uns mit Gewalt von seinem Leben überzeugen will. Ich glaube auch nicht an einen Gott, dessen Nähe ich immer wieder werde erfahren dürfen und von dem ich mich nie werde verlassen fühlen können.                                                                                                                          Wohl glaube ich an den lebendigen Gott, der als Vater damals Jesus am Kreuz nicht verlassen hatte und der auch mich nie verlassen wird. Ich glaube an den Gott, der als Vater das Leid seines Sohnes sah und seine Klage hörte und der aller Menschen Leid sieht und aller Menschen Klage hört. Ich glaube an Gott, bei dem es im Ende der Zeit auf mich unausdenkbare Weise Gerechtigkeit gibt und Trost." 

Man sollte dieses Emeis-Zitat genau lesen. Es birgt Zuspruch und Anspruch zugleich  in sich.   

Nachfragen           

Letztlich drängt sich fast der Verdacht auf, dass mit dem Ausspruch Jäger-Sommers "Ich preise seinen Tod nicht" auch ein semantisches Problem virulent wird: Wenn sich in Jesu Tod und Auferweckung die rettende Hand Gottes erwiesen hat und Trost für jeden Suchenden und Hoffenden dadurch auf den Punkt gebracht wird, warum kann man dann diesen Tod Jesu nicht preisen - und das dann unabhängig von für unser heutiges Verständnis blutig verunglückten Gottesbildern?

Gleichwohl ist Jäger-Sommers Entscheidung verständlich, da der Text missverständlich und die Theologiegeschichte zu belastet scheint. Die grundsätzliche Fragestellung, ob der genannte Gesang eine glückliche kirchenmusikalische Komposition darstellt, mag hier nur von Ferne angesprochen sein.

Vielleicht würde folgende Textvariante Gottes Option für das Leben deutlicher werden lassen und Jäger-Sommers Impuls verstärkt Rechnung tragen, da er weniger Missverständnisse evoziert:

"Wir preisen dich, o Herr, wir glauben, dass du lebst.                                            Wir hoffen, dass Du kommst zum Heil der Welt.                                                 Komm, o Herr, bleib bei uns!                                                                                Komm, o Herr, Leben der Welt."  (mpk)     

                                                                                                                                                                                                

                                                                                                                               

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