Journal für Orgel, Musica Sacra und Kirche

                   ISSN 2509-7601



Konzilskirche Santa Maria Maggiore – Trient

Verheutigung als hermeneutischer Schlüssel

Welche Imaginationskraft besitzt ein historisch definierter Ort? – Sommerliche Gedanken zu einem Besuch Trients mit erfreulichem Ausgang

Ein Essay von Matthias Paulus Kleine – Lesedauer 11 Minuten

„Die Sonne brennt fortissimo.“ So beklagte sich der junge Felix Mendelssohn-Bartholdy über die sommerlich hohen Temperaturen Italiens. Ich konnte ihm nun durchaus beipflichten, allerdings fast 200 Jahre später und um rund 40 Lebensjahre älter.

Bei der Planung des mehrteiligen Urlaubs stand die in Kauf zu nehmende Hitze angesichts eines klimatisierten Hotelzimmers direkt am Dom jedoch noch nicht im Vordergrund, denn der Ort Trient war bestimmend: Er erhielt von mir ein spontanes Ja. Gar drängte sich die Frage auf: Warum bin ich nicht schon längst dort gewesen? Für einen Theologen schwingt beim Wort „Trient“ sofort das Wort „Konzil“ mit, freilich auch vor der Folie der sog. Reformation. Kirchengeschichte pur und hoch sieben.

Trient als pluriformer Trigger

„Die Reformation“ stellt übrigens eine euphemistische Benennung dar, da doch die Reform der gesamten Kirche scheiterte. Das Desaster hatten sowohl der ab 1517 durchaus deontologisch auftretende Dr. Martinus Luther – ungeachtet seiner hin und wieder konzilianteren Mitstreiter – als auch die angstbesetzten Päpste Leo X. und Clemens VII. auf den Weg gebracht. Der immer wieder abwesende und nur wenig Deutsch sprechende Kaiser Karl V. tat ein Übriges dazu, denn die Konfliktfelder Kaiser-Papst und Kaiser-Reichsstände heizten die machtpolitische Instrumentalisierung des Reformanliegens nachgerade an. Eine üble Melange.

Das Trienter Konzil (1545 – 1563) stellte endlich die ersehnte Reformantwort der verbliebenen – sodann „katholischen“ – Ursprungskirche dar. Diese konstruktive Konzilsantwort würde ohne den weiteren hartnäckigen Erneuerungswillen der nachfolgenden Päpste Pius V., Gregor VIII. und Sixtus V. nur verkürzt wahrgenommen. Ohne sie hätte Trient weitaus weniger Frucht getragen. Folgt man der Einschätzung des renommierten Kirchenhistorikers Hubert Jedin, so kam allerdings die Reform der katholischen Kirche durch das Trienter Konzil für die von den Umbrüchen zuvörderst betroffenen Länder spät. Zu spät.¹

Auf einer zweiten assoziativen Prozessebene werden durch das Stichwort „Trient“ gleichwohl Gedanken an diejenigen Glaubensgeschwister getriggert, die sich der Logik einer weiteren und 400 Jahre späteren Reform (Zweites Vatikanischen Konzil/1962 – 1965) hartnäckig versagten und auf dem Stand des vormaligen Reformkonzils Trient verblieben. Bischof Lefebvre und die traditionalistische Priesterbruderschaft St. Pius X. stellen hier Reizwörter mit deutlicher Virulenz dar. Das Phänomen der „alten lateinischen Messe“ ist lediglich eine Oberfläche. Sie repräsentiert ein eigenes Verständnis von Gott, Kirche und Welt.

Fassen wir zusammen: Das Wort „Trient“ stellt eine dichte und nachhaltige Metapher für Kirche und Reform, für den theologischen Diskurs in Geschichte und Gegenwart dar.

Was haben die historisch besetzten Materialien mit mir zu tun?

Für den geschichtsaffinen Urlauber stellt sich die Frage: Welchen Mehrwert erbringt mir über die spannende Inaugenscheinnahme und ein bereichertes Faktenwissen hinaus der Besuch dieses historisch besetzten Ortes? Welche Imaginationskraft können sowohl der Standort als auch die alten Bausubstanzen samt Ausstattung generieren, außer dem an magischen Obskurantismus grenzenden Phänomen á la „Ich war auch dabei – allerdings nur sehr, sehr viel später“? Jeder kennt den Vortragston eines plakativen Dünkels im Genre des sog. Bildungsurlaubs.

Elia Naurizio – Congregazione generale del concilio di Trento in S.M. Maggiore – 1633

Dass sich sogleich am ersten Abend in Trient eine lebensfrohe Lösung der Problematik ganz unverhofft und erstaunlich gut erfahrbar in das Geschehen drängte, mag hier bereits festgestellt werden. Die vorauszusetzenden Fragestellungen könnte man in nahezu propädeutischer Manier ausdehnen, was freilich den Rahmen dieses kurzen Essays sprengen würde.² Bevor ich zur Schilderung des Erlebnisses komme, müssen jedoch drei grundsätzliche Kategorien kurz benannt werden.

Materialien ohne Spirit vs. Verheutigung

Das Betrachten oder gar Berühren von Materialien generiert keinen Spirit, auch wenn sie Jahrhunderte zuvor von bedeutenden Menschen betrachtet oder berührt wurden. Ich kann diese Materialien mit den damaligen (mir letztlich unbekannten) Menschen in Beziehung setzen, sie einordnen und dergleichen. Meine eigene Beziehung dazu bliebe aber fraglich. Ohne den Einbezug in meine eigene Lebenswelt besäßen die historisch besetzten Materialien das Charisma einer Excel-Tabelle, deren Zeilen in der letzten Spalte auf die Attribuierung „erledigt“ warten.

Eine suggestive Imagination von Ort und Geschehensumständen hätte einen Mehrwert, sie bliebe aber letztlich ohne Lebenskraft. Sie müsste sich indes verdichten, um eine merkliche Qualitätsstufe zu erreichen und über den Standard einer bloßen Vergegenwärtigung zu gelangen.

Der Königsweg wäre ein Kraftfeld mit Prägnanzqualität innerhalb meiner Welterfahrung: Ich nenne sie Verheutigung. Nicht ohne Grund nutze ich nun die schlichte Übersetzung des berühmten „Aggiornamento“. Es ist das Leitmotiv der Reformen des bereits genannten Zweiten Vatikanischen Konzils, zu dem es ohne das Trienter Konzil nicht gekommen wäre.

Wir befinden uns nun abseits des „Das muss man mal gesehen haben“, was im Glücksfalle regelmäßig mit einem „Da bin ich auch schon gewesen“ quittiert wird. Nein, streiten wir uns auch bitte nicht mehr (vor der Konkurrenz des Digitalen) über die klaren Vorteile einer realen Wahrnehmung vor Ort, wenn ich mich in einem Raum befinde und mit meinem Körper einen Sensus für konkrete Höhen, Tiefen und Längen, Farben und Gerüche entwickle.

Eucharistiefeier in der Trienter Kirche Santa Maria Maggiore am 2. August 2026

Live ab 19 Uhr: Verheutigung Trients in der Konzilskirche Santa Maria Maggiore

Wie bereits angedeutet: Unversehens offenbarte sich mir gleich am ersten Abend in Trient eine mögliche Beantwortung der Fragen. Wir haben den 2. August im Jahre des Herrn 2026. Ein erster Stadtbummel an diesem Sonntagabend führt uns zur Konzilskirche Santa Maria Maggiore. Diese Stadtkirche wurde während des Konzils im Gegensatz zum Dom viel häufiger, so z.B. für die täglichen Generalkongregationen und Vorbereitungsveranstaltungen genutzt.³

Drei Glocken beginnen beim Betreten des Umfeldes zu läuten. Das Geläut währt nur wenige Minuten. Nach dem Öffnen der Türe des Hauptportals wird deutlich, dass gleich eine Messe beginnt. Verstreut sitzen einige Gläubige in den Bänken. Der Küster ist im Altarraum beschäftigt. Auch der mit Albe und Stola bekleidete Priester lässt sich bereits sehen. Die ganz und gar nicht kühle Saalkirche füllt sich zu unserem Erstaunen mehr und mehr. Das Publikum ist auffällig altersgemischt und eher jung. Um die körpereigene Transpiration in Grenzen zu halten, hantieren viele Damen mit einem Fächer. Eine junge Familie nimmt mit drei kleinen Mädchen vor uns Platz.

Nach dem Erklingen der Sakristeiglocke ist kein Orgelspiel zu vernehmen. Der elektrische Spieltisch der Mascioni-Orgel (1928/Prospekt von 1532-36) bleibt vakant und die Pfeifen stumm. So dominiert der Gedanke, dass die Konzilsväter bereits dieses beeindruckende Orgelgehäuse gesehen haben mögen, den Moment des Bedauerns. Der Priester schreitet zum Altar, bei diesen Temperaturen erspart er sich das Messgewand, weißes Untergewand und Stola müssen reichen. Unterdessen stimmt der Küster einen ersten Gesang mit sonorer Kraft an. Bei der zweiten Strophe muss er noch einmal für ein paar Sekunden in die Sakristei. Erst als er zurückkehrt, stabilisiert sich der Gemeindegesang wieder.

Beim Kreuzzeichen führt die Mutter vor uns die rechte Hand des jüngsten Mädchens. Es fällt auf, dass zahlreiche Gemeindemitglieder bei den Orationen in der Orantenhaltung, also wie der Priester mit ausgebreiteten Armen beten. Kontemplative Stimmung verbreitet sich. Sie scheint nicht nur der Hitze oder dem Ritualisierten geschuldet.

Das Team aus Priester, Küster, Lektoren und Gemeinde ist vernehmlich eingespielt. Alle Lieder, Gebete und Lesungen sind auf einem multifunktionalen Messzettel verfügbar. Er dient nicht nur dem Lesen, als Fächer wird er ebenfalls genutzt. Auch von den jungen Eltern vor uns. Die Mädchen nehmen die kühlende Luftzirkulation dankbar an.

Messzettel 2. August 2026 (Ausschnitt) - Santa Maria Maggiore - Trient

Es geschieht rein äußerlich nichts Spektakuläres, alles wirkt vertraut, alle machen mit, jeder kennt seine Rolle. Man ist sich einig. Das Miteinander aller beeindruckt mit seiner Unaufgeregtheit und wohlwollenden Selbstverständlichkeit. Liturgisch gesprochen: Eine Participatio actuosa ist in diesem Gottesdienst deutlich feststellbar. Durchaus mit Understatement. Ein abendlicher Sonntagsgottesdienst in einer norditalienischen 120.000-Einwohner-Stadt an der Schwelle zur Werkwoche und inmitten der langen Sommerferien.

Konzile als Erweis der Prozessualität von Kirche

Das Geschehen des 2. August 2026 ab 19 Uhr lässt sich vor der Folie der oben dargelegten Problematisierungen so kurz wie schlicht erklären: Was ich der Trienter Santa Maria Maggiore an diesem Abend erfahre, ist Trient und dasjenige, was durch die Prozessualität von Kirche nach 463 Jahren daraus geworden ist. Ich erfahre eine dichte Imagination der Erträge des Trienter Konzils auf dem Level einer Verheutigung innerhalb meiner eigenen geprägten Welterfahrung. Es sind viele beteiligt. Einer von ihnen bin ich selbst. Alles ist live.

Man kann es auch so lesen: Trient, ein Reformkonzil, das sich weitertrug, 400 Jahre später das weitere Reformkonzil Zweites Vatikanum gebar und sich nun vor Ort in lebendiger Liturgie entfächerte. Ein 1563 in der Konkretisierung des Jahres 2026. Die Hochform katholischer Liturgie in Form der über Jahrhunderte durchdeklinierten Eucharistiefeier war die transzendentale und soziale Kommunikationsform – ganz abseits von „Trachtenkatholizismus“ (Karl Rahner) oder aufgeregt politisierten Katholikentagen.

Jesus von Nazareth hatte seinen Platz in unserer Mitte gefunden. Ich wage, diesen Satz hier niederzuschreiben, obwohl er doch sehr vermessen sein könnte.

© Matthias Paulus Kleine (Text/Fotos) - August 2026                edit 24.08.2026

Additum:

¹ Bei der Recherche fielen mir neben vielen guten Texten zwei Podcasts auf, in denen allen Ernstes empfohlen wird, „die Reformation“ doch bitte positiv und nicht mit Bedauern zu betrachten. Schließlich sei es doch zu einer größeren Diversität von Religion gekommen. Diese Vielfalt stelle per se eine Bereicherung dar. Abgesehen davon, dass diese Einordnung ökumenisch demotiviert (ich will nicht von einem Defaitismus sprechen), blendet sie uninformiert und nahezu zynisch das viele Leid aus, das die Konfessionalisierung über viele Jahrhunderte auf den Weg gebracht hat. Im moralischen Wettstreit der Konfessionen scheute man sich keineswegs vor einer übergriffigen Disziplinierung von Untertanen im Namen der Religion. Die blutigen Stichworte Bartholomäusnacht, Dreißigjähriger Krieg und Nordirland dürften jedoch auf jeden Fall die Vertreter der o.g. steilen These verunsichern.

² Die ergänzende und vertiefende Auseinandersetzung mit Hans Jürgen Pandels Theorie vom „Geschichtsbewusstsein“ sei darüber hinaus sehr empfohlen. Sie ist ein Klassiker des kategorialen Verständnisses von Geschichte [Zeitbewusstsein (früher- heute/morgen), Wirklichkeitsbewusstsein (real/historisch imaginär), Historizitätsbewusstsein (statisch - veränderlich), Identitätsbewusstsein (wir - ihr/sie), politisches Bewusstsein (oben - unten), ökonomisch-soziales Bewusstsein (arm - reich), moralisches Bewusstsein (richtig - falsch)].

³ Fotos der im Konzilsgeschehen konkurrierenden Trienter Domkirche mögen diesen Artikel visuell komplettieren. Die an der östlichen Apsisseite mehrfach vorzufindenden Knotensäulen stellen eine Besonderheit der lombardischen Romanik am Übergang zur Gotik dar.


 

 

                                                                                                                         

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